Kaffee

Ein alter guter Freund hat mich verraten! Manche würden sagen, es sei nicht
seine Schuld, aber mir kam es wie ein Hochverat vor. Darauf steht bekanntlich
die Todesstrafe. Demzufolge hat meine Kaffeemaschine den Tod verdient. Wie das
geschehen konnte? Wie fast jeden Tag machte ich mir meine große Kanne Kaffee am
Nachmittag. Eigentlich war der Tag bis dahin recht erfreulich verlaufen. Keine
Rechnungen in der Post, auch keine Drohbriefe. Ich mußte nicht einmal – wie
sonst so oft – in den renommierten Tageszeitungen einen Verriß meiner neuesten
Theaterinszenierung finden. Ein bis dato perfekter Tag.

Nach getaner Arbeit kam ich also am frühen Nachmittag vom Besuch meiner
Hochschule nach Hause und fand eine selten so aufgerämte und geputzte Wohnung
vor. Alle meine Sinne, alle Erwartungen und Träume vereinten sich zu einem
kollektiven Aufschrei: Kaffee, jetzt! Mein trübes Hirn schloß ein halblautes
„Ja, Kaffee jazzt“ an und so steuerte es meinen unbeholfenen Körper auf
gerade dieses Ziel zu.

Lange Rede, kurzer Sinn: Kaffeemaschine angeworfen und den Dingen geharrt,
die da kommen mögen. Nach einer durchschnittlichen hoffnungsvollen Wartezeit,
gerade so lange, wie die Maschine braucht, acht Tassen Koffeinheißgetränk zu
zaubern, ging ich in die Küche, meinem kleinen Kaffeedomizil. Doch Schreck: nur
zwei Tassen fertig gebrauten Kaffees in der Glaskanne! Wo war der Rest? Die
Antwort folgte auf dem Fuße: Er hatte sich in jenem Trichter verfangen, in dem
sich ebenso ein zerrissener Filter befand. Das daraus ausgebrochene Kaffeepulver
hatte das Ventil des Trichters mutwillig verstopft.

Es dürfte dem erfahrenen Kaffeetrinker klar sei, daß nicht eine ganze Kanne
Kaffee in einen solchen Filter paßt. Als ich gerader diesen Gedanken fassen
konnte, war es schon geschehen. Ganze Sturmfluten meines geliebten Getränks
ergossen sich über meine Küchenzeile. Wie ein Reh im Scheinwerferkegel eines
Golf GTI, der seine Insassen von einer ectasyverseuchten Technodisko zur
nächsten bringt, konnte ich nur noch einen letzten Gedanken fassen:
Das ist der schönste Tag in Deinem Leben.

So mußte ich tatenlos zusehen, wie das kochendheiße Gebräu langsam von
einer Ikeaschublade in die Nächste floß. Der literarisch gebildete Leser
darf sich an dieser Stelle an das Gedicht „Der römische Brunnen“ von
Conrad Ferdinand Meyer erinnert fühlen. Wie schön, aber nicht für mich.

Resultat: Vom Hochverrat meiner Kaffeemaschine unmittelbar betroffen sind:
erste Schublade: mein gesammter Besitz an Besteck und Küchenutensilien,
zweite Schublade: diverse Handtücher, ehemals waschmaschinenfrisch,
usw. usw. Es bleibt zu bemerken, daß mir der 18. April ewig als ein Datum
universeller Verwüstung in Erinnerung bleiben wird…

Ich hoffe, Ihr hattet einen schöneren Tag oder wenigstens einen spannenderen
und seid gegen vergleichbare Naturkatastrophen gut versichert!

In diesem Sinne: der Kai aus Trier.

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