Nahverkehr

Ich bin ja leider auch auf den öffentlichen Nahverkehr
angewiesen. Nicht, dass mich meine kleine rote Ente nicht alltäglich
zu befördern bereit wäre, aber das geht bekanntlich ins
Geld und wenn man in der Innenstadt wohnt, kann man schon froh sein,
wenn das Auto überhaupt irgendwo steht und möchte es am
liebsten dort stehen lassen, um nie wieder einen Parkplatz suchen zu
müssen.

Wie dem auch sei, ich fahre also mit dem Bus. Ich möchte mich
gar nicht darüber auslassen, dass es im Bus immer Leute gibt,
neben denen man bestimmt nicht sitzen will (z.B. Typ: Alditüte,
Pizza im Bart, ein ganzes Geranienbeet unter den Fingernägeln)
und man deshalb eine ganze Palette von absonderlichen oder einfach
grimmigen Gesichtsausdrücken drauf haben muss. Das ist alles
alt, das kennt jeder.

Auch, dass wenn einem eine ganze Horde gestriegelter Lackerl (Typ:
Juristen, die sich über Gesetzestexte, Handytarife oder weiß
ich was für Konsumgüter unterhalten) auf den Pelz zu rücken
droht, man sich nur kurz aber prägnant und besonders
schleimig-eklig räuspern muss, um ganze drei Sitzreihen im Bus
sein eigen zu nennen, dürfte weitläufig bekannt sein. Das
ist wirklich alles kalter Kaffee.

An jenem Morgen wagte ich mich also in ganz neue Dimensionen vor.

Ich saß im Bus und meine Magenwände waren auf mich
sauer, da ich ihnen kein Frühstück gegönnt, aber sie
mit starkem Kaffee belästigt hatte. Meine Gedanken tummelten
sich noch zusammen mit meinem Verstand im weichen Federbett, als an
einer Station eine junge Mutter ihren Kinderwagen in den Bus hievte.
Jetzt stand mein Verstand auf, weckte meine Gedanken, die beiden
frühstückten gemütlich und gesellten sich dann zu mir.
Das Kleinkind im Kinderwagen glotzte seine Mutter trotzig an und es
durchfuhr mich, wie die Salve eines Schnellfeuergewehrs: Der wird
jetzt doch wohl nicht… Quääääääääääääääääääää
Hüüüüüüüüüüüüüüüü
Wäääääääääääääääääääää
HEHEHEHE Wäääääääääääääää
(schön, dass es im Deutschen den Umlaut gibt!) Das war zu viel!
Für mich und meinen Magen unerträglich. Von der Situation
in die Ecke getrieben ergriff ich meine letzte, verzweifelte Chance
und zog dem Balg Fratzen (mein Verstand hatte offenbar gut geschlafen
und war erstaunlich fit).

Zuerst warf ich Eriks berühmten Dackelblick rüber, dann
ein Naserümpfen, dass ich sonst nur für Benjamin von
Stuckrad-Barre übrig habe und dann noch ein paar üblichere
Fratzen. Und was soll ich sagen: es funktionierte ganz wunderbar. Das
Balg war prompt ruhig und glotzte mich nur noch geschockt an. Strike,
dachte ich, du bist also in der Lage, Kleinkinder domestizieren zu
können. Doch nach dem Erfolgsgefühl kamen die
Gewissensbisse. Ich hatte den Bälger doch jetzt für sein
ganzes Leben geprägt. Würde es in fünfzig Jahren bei
seiner Ernennungsrede zum Bundespräsidenten jetzt unpassende
Fratzen ziehen? Oder hatte ich da einem ganz jungen Leben eine
ordentliche Busphobie ans Bein gehängt? Eines wurde mir aber
sofort klar: ich werde nie mehr in der Öffentlichkeit Fratzen
ziehen und sei es, um ein Kleinkind zu beruhigen.

Oder besser ich fahr‘ gar nicht mehr mit dem Bus.

Das wollte ich nur mal loswerden… Euer Kai.