Das Samstag-Abend-Phänomen

Ich weiß nicht, ob ich der einzige bin, bei dem sich regelmäßig am frühen Samstag Abend ein Gefühl der Panik breitmacht. Regelrecht Panik ist es zuerst ja nicht, aber immerhin ein ganz ungutes Gefühl. Ich meine jetzt nicht das ungute Gefühl, das man hat, weil man Salmonelleneier gefrühstückt hat, oder die grausame Vorahnung, daß sich der als so grandios angepriesene Samstag-Abend-Spielfilm mal wieder als Kinoversion einer brasilianischen Telenovela aus den 60er Jahren herausstellt.

Nein. Es ist eher ein Gefühl der Unsicherheit. Als hätte man irgendetwas Grundlegendes vergessen. Der Blick in den Terminkalender erinnert einen höchstens daran, welche Termine man die ganze letzte Woche verpennt hat aber das Blatt mit dem Samstag liegt unberührt vor einem und scheint einen praktisch durch seine Bleiche zu verhöhnen. Jetzt erst beginnt die Panik, von der ich eben gesprochen habe.

Man versichert sich mindestens zwanzig mal, daß heute wirklich erst Samstag ist und daß man noch den ganzen nächsten Tag hat, um die Dinge zu erledigen, die man bis Montag erledigt haben muß. Das ist es also nicht.

Dann kramt man alle seine Unterlagen hervor: Versicherung, Rente, Bank, Stromrechnung bezahlt? Hat man den Einschreibetermin von der Uni verpennt oder muß man noch schnell zur ZVS nach Dortmund? Wollte man sich irgendwie mit irgendwem irgendwo treffen um etwas ganz ganz wichtiges zu tun oder wollte man sich nur die Haare waschen?

Ein nervöses Auf-und-Abrennen in der Wohnung beginnt. Man ruft alle Leute an, die man kennt: Is‘ heute irgendwas? Der grandiose Samstag-Abend-Film? Und sonst? Tschö. – dieses Gespräch ca. Fünfundzwanzig mal bis man von seiner Schwester bis zum ehemaligen Lateinlehrer alle abgeklappert hat. Dann der Verdrängungseffekt: Wird schon nichts dolles gewesen sein.

Auf allen Sendern beginnen bereits die tollen und großen Samstag-Abend-Filme-Highlights. Man schleppt sich zum Kühlschrank und es fällt einem schlagartig ein: einkaufen gehen, hättest du können! Also macht man sich ein paar Kapern mit Senf zurecht und setzt sich nun mehr erleichtert als glücklich vor das Unterhaltungsprogramm, das einem von dem Massenmedium Mattscheibe geboten wird.

Für eine 24-Stunden-Öffnung der Lebensmittelgeschäfte in Trier: Kai Kugler.

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Veröffentlicht unter kai