Alle haben sie Vernunft

Berlin 2 Uhr
nachts, Blaulicht, Sirenen, aus einem Megaphon krächzt es „tu
et nich, Junge! Das hat doch keinen Sinn!“ Doch für mich
gibt gerade das den Ausschlag: Keinen
Sinn.

Wie soll man denn
auch in einer Stadt wie dieser Leben;einer Stadt in der es
unmöglich scheint, Kleiderbürsten, Tomatenmark oder noch
schlimmer: einfache geschälte Tomaten zu bekommen?

Ich leide – und
mit mir leiden die Straßenbahnen. Wirklich, wer einmal in
Berlin war, weiß das. Wenn sie starten, scheint es als
seufzen sie „OhJetztMussIchSchonwiederLos“ Und wenn sie
halten, weinen sie: „OhMirTunDieKnochenSoWehAua!“

Was macht eine
Stadt aus jemandem, wenn er immer min 20 min. unterwegs ist, und
das für jede kleine Besorgung? Berlin, du Metropole der
Menschenfeindlichkeit!

Zurecht denkt der
Leser, „Nur dies, Sohn, trieb Dich aufs Dach?“ Neinnein
lieber Leser, aufs Dach trieb mich die Erkenntnis, daß die
Ganze Welt ein Nonsens wie Berlin ist.

Ich bemerkte, dass
zwischen eins und zwei
die Unendlichkeit liegt,
und alles
mal sterben muss
und das wir nicht einmal mehr realisieren,
das
wir über Waschmittel sprechen
…und eine Sekunde starrte
ich gebannt
an die Wand.

Das eine wabert
dahin, das andere fließt heran,
ein Band in einer
Endlosschleife und dann.
Und ich wünschte ich wär‘ so
Dumm,
nicht zu sehen was wir sind, dumm aber
Glücklich.
Scheiße, dass ich sehen muss,
dass
Ehrlichkeit ein Wort wie Werbung ist.
Scheiße, dass ich
verstehen muss,
dass sich alle gegenseitig verarschen.
Solange
bis wir alle selbst in der Hölle hocken.

Alle haben sie
Vernunft, doch keiner gebraucht sie.

Dieser
Gedankengang überfiel mich am Morgen dieses unglückseligen
Tages und fraß in mir und an meinen Nerven. Doch aufs Dach
trieb mich erst ein Zeichen, ein Zeichen so Banal wie überzeugend:
Eine achtlos weggeworfene Coupé brannte der Gesellschaft
das endgültige Siegel der Verblödung auf, die Titelseite
versprach den Untergang jeglicher Kultur. Wie ein Faustschlag traf
mich das geschriebene: „Die lustigen Sexspiele wilder
Negerstämme“.

Nachdem ich dies
erläutert habe, füllen sich die Fensterbretter, auch der
Mann am Megaphon steht neben mir, reicht mir die Hand zum Trost
und nocheinmal seufzen wir gemeinsam mit der Straßenbahn.