Das Klischee

Die jungen
Menschen, die im Freiburger U-AStA mitarbeiten, sind so, wie man
sie sich immer vorgestellt hat. Da gibt es zum Beispiel den
Gunnar, der sich bei der Semester-Eröffnungsveranstaltung den
Erstsemestern vorstellte. Gunnar hat lange, fettige Haare, trägt
eine schwarze Woody Allen-Brille, wahlweise einen bunten Pullover,
um den Hals bevorzugt ein Palästinenser-Tüchlein,
ausgeblichene Blue-Jeans, gerne auch graue Wollsocken und das
passende grobe Schuhwerk. „Hallo, ich bin der Gunnar“,
stellte er sich den Erstsemestern vor. Und: „Wir wollen etwas
bewegen.“

Bewegt hat sich
für den Gunnar eine ganze Menge in den vergangenen Monaten.
Da durfte er ein Interview in der Badischen Zeitung zum
Hochschul-Novellierungs-Gesetz geben und sich hochentrüstet
über die benachteiligten Langzeit-Studierenden äußern.
Jetzt gibt es Neues zu berichten, schreibt der Gunnar im
Freiburger „U-AStA-Info“ Nummer 652: „Bei der
bundesweiten Unterschriftenaktion gegen Studiengebühren , die
in diesem Semester läuft, sind insgesamt bisher ca. 40000
Unterschriften gesammelt worden, an der Uni Freiburg allein knapp
3000“, schreibt der Gunnar und vergisst ganz, dass wir hier
nicht in Frankreich leben und Unterschriftenaktionen heutzutage

nicht mehr sonderlich viel bewegen können.

Aber der Gunnar
ist ja auch nicht ganz zufrieden mit dem Erreichten: „Was
bislang noch fehlt: die ganz große studentische
Gegenbewegung.“ Sein Vorschlag klingt einfach: Mitmachen,
vielleicht im „offenen Plenum“.

Wie solche
Plenum-Sitzungen ablaufen, hat eine Vollversammlung des U-AStA
Ende vergangenen Jahres gezeigt. Groß hingen überall in
der Uni die Plakate und Spruchbänder aus: „Heute
Vollversammlung“. Alle sollten kommen, und die, die kamen,
erlebten das nächste Klischee in vollem Ausmaß: Es
wurde natürlich diskutiert, und zwar demokratisch. Das heißt:
Zur Diskussion kam es erst gar nicht. Denn zunächst standen
Wahlen an, denn man braucht ja einen Diskussionsleiter. Damit es
zu den Wahlen kommen kann, muss natürlich zunächst der
Wahlleiter bestimmt werden. Wer der Wahlleiter sein durfte, wurde
selbstverständlich wiederum diskutiert, was ja eigentlich
nicht sein kann, weil es ja noch gar keinen Diskussionsleiter gab.
Und so weiter, und so weiter. Stillstand. Da braucht man sich in
Deutschland nicht mehr zu wundern, warum es Langzeit-Studierende
gibt.

Wer sich das
U-AStA-Info weiter anschaut, findet zwei Thesen bestätigt.
Erstens: In Freiburg gibt es für jeden Lebensbereich eine
Selbsthilfegruppe. Nummer zwei: Namen, vorzugsweise ausländische,
klingen abgekürzt zwangsweise komisch. Da äußert
sich nämlich auf Seite 4 Ergün G. von der „Kurdischen
Studentengruppe Freiburg“ zum Thema: „Die Nato und die
Menschenrechte“. Die Szene erinnert stark an eine Sendung des
ehemaligen Freiburger Piratensenders „Radio Dreyeckland“,
die dieser 1998 einmal ausstrahlte. Das Schema der Sendungen ist
immer gleich: Irgendwelche Studenten im Stile des Gunnars stellen
mit monotoner Stimme ihr Thema, vorzugsweise Mord und Totschlag in
der Dritten Welt, vor. In der besagten Sendung ging es um
abgelehnte Asylbewerber in Abschiebehaft. Zum Höhepunkt kam
es ganz dick: Minutenlang wurde eine Liste von gerade frisch
abgeschobener Menschen verlesen. In diesem Stil: „Für
die freundliche Unterstützung der Bundesregierung bedanken
sich Ali A., Ali B., Muhammed A. usw., usw.“.

Es ist schon
erschreckend, was sich hier an Randgruppen täglich vor dem
Mikrophon versammelt. Da „Radio Dreyeckland“
mittlerweile zum Vollprogramm mutiert ist, hat man zwei
Möglichkeiten das Programm zu füllen. Entweder lässt
man noch mehr Freaks auf den Sender, oder man streckt Sendungen,
die Stoff für eine Stunde bieten, einfach auf mehrere
Stunden. Und das am Besten mit Rockmusik unbekannter Bands, die
bei den Proben gerade mal den Kassetten-Recorder haben mitlaufen
lassen. Offensichtlich verfügen die Programmmacher nur über
zwei Mikrophone: Eins für den Moderator, und eins steht neben
der Stereoanlage. Das merkt man vor allem dann, wenn der Moderator
ansetzen will, die Musik noch läuft und der Moderator
vergisst, sein eigenes Mikrophon anzustellen. Peinliche Pausen
entstehen immer dann, wenn mehrere Moderatoren im Studio sitzen
und sich dann erst einmal gegenseitig das Mikrophon zuschieben
müssen. Ganz bitter ist die Nacht-Session. Da das Sendegebiet
des Radios auf Freiburg und die nahe Umgebung begrenzt ist, wird
es dann immer ganz einsam im Äther. Da darf dann ein
depressiver Langzeitstudierender seine alten Led Zepplin-Platten
spielen und die nicht vorhandenen Zuhörer mit folgenden
Worten begrüßen: „Hallo Nachtschwärmer, hier
ist wieder der Gunnar. Kommt gut durch die Nacht.“