In der Jackson-Pollock-bar

Ich sitze am
Tresen der Jackson-Pollock-Bar. Diese Bar ist an die städtischen
Theaterbühnen angeschlossen. Und so kommen nach jeder
Aufführung die Besucher zwangsweise durch diese Bar. Soeben
habe ich mir im kleinen Schauspielhaus eine Lesung von Peter
Handkes Kriegs-Theaterstück „Die Fahrt im Einbaum“
angehört. Da die Lesung schon nach eineinviertel Stunden zu
Ende war, ich mich aber für den späteren Abend am
Theater verabredet habe, ist nun noch über eine Stunde Zeit.

Die Bar hat ihren
Namen von einem monströsen Kunstwerk, das an der Rückwand
der Theke aufgehängt ist. Ob es wirklich von Jackson Pollock
erstellt wurde, weiß ich nicht. Zumindest sieht es ziemlich
echt aus. Vor mir steht eine Tasse Kaffee und eine kleine Flasche
Wasser mit dazugehörigem Glas, in dem langsam die Eiswürfel
schmelzen. Meinen Kaffee nehme ich immer nach folgendem Rhythmus
ein: Erst den Kaffee zehn Minuten abkühlen lassen,
zwischendurch durch Fühlen der Außenwand der Tasse die
Temperatur ertasten. Auch das macht bald keinen Spaß mehr,
denn Warten kann ziemlich langweilig sein, vor allem, wenn man
dazu gezwungen wird, zusätzlich Geld auszugeben. Ich schaue
mir das Treiben an. Viele Besucher sind nicht zur Lesung gekommen.
Deshalb ist es ziemlich einfach, die mitwirkenden Schauspieler zu
erkennen, die nun nach Beendigung der Veranstaltung allmählich
in die Bar kommen und sich zusammen an einen Tisch setzen, noch
ein kleinen Pläuschchen halten.

„Einen Sekt
mit Orange“, sagt eine blonde Frau neben mir, die ich als
eine der Leserinnen wiedererkenne. „Das geht dann aufs
Theater“, sagt die Blonde, die bei der Lesung den Part der
Fellfrau gelesen hatte und nun etwas ungeduldig auf ihre
Bestellung wartet. Gerne würde ich die Blonde ja ansprechen
und ihr die Frage stellen, wie oft denn die Lesung geprobt wurde.
Denn teilweise wirkten die Schauspieler unkonzentriert,
verhaspelten und verlasen sich, fingen schon ihren Part zu lesen
an, wenn der Gegenpart noch nicht fertig war. Ich verkneife mir
die Frage, denn die Blonde sieht ziemlich zufrieden aus und hat
wohl mehr Bock auf ihren Sekt mit Orange als auf eine Diskussion.

Ich zünde mir
noch eine Zigarette an, fühle an der Tasse, ob der Kaffee
allmählich die richtige Trinktemperatur hat. Mit dem Blick
auf meine Uhr beginnen meine Gedanken zu kreisen. Bis zur nächsten
Verabredung ist es immer noch eine dreiviertel Stunde hin. Nach
grober Berechnung habe ich, bis der Kaffee und das Wasser
ausgetrunken sind, immer noch eine halbe Stunde. Soll ich dann
trotzdem weiter warten, oder in die Kälte hinaus? Ich werde
in meinen Überlegungen von einem jungen Mann unterbrochen,
der sich plötzlich neben mich gestellt hat. Typ: Student,
rotblonde, halblange Haare, bunt-gemischte, dem Wetter angemessene
Kleidung.

„Willst Du
gegen die Teletubbies unterschreiben?“, fragt er
mich.
„Warum?“, frage ich zurück.
„Kennst
Du die Teletubbies?“
„Ja, durchaus. Die Sendung wird
ja in allen möglichen Comedy-Shows permanent durch den Kakao
gezogen.“
„Dann weißt Du ja auch, dass das
alles ein ziemlicher Schwachsinn ist.“
„Von mir aus,
aber…“
„Das Ding ist für Kinder ab zwei Jahren
erlaubt. Das ist doch eine Frechheit. Wir fordern, dass die Serie
erst für Kinder ab zwölf Jahren freigegeben wird. Dann
können die Kinder nämlich selbst entscheiden, was sie
sehen wollen. Unsere Kinder verdummen ja“, sagt der Student
mit einer Überzeugung, als hätte er schon selbst
welche.
„Wer seid ihr überhaupt?“, frage ich
zurück.

Stolz präsentiert
der Student einen Bogen seines Umfragezettels. „Kindskopf“
steht da oben.

„Wir sind
noch kein eingetragener Verein. Aber das wird schon.“
„So?
Wieviele seid ihr denn?“
„Ja, bisher nur die
Gründungsmitglieder. Das waren 7. Aber das kann sich ja ganz
schnell ändern.“

Dann erklärt
er mir, dass der Verein nicht nur am Verbot der Teletubbies
interessiert ist, sondern auch tolle Ausstellungen für junge
Künstler organisieren möchte. Und dann guckt er auch
schon gequält auf die Uhr und weist mit dem Kuli auf seinen
Briefbogen.

„Willst Du
nun unterschreiben, oder nicht?“

Ich tue ihm den
Gefallen. Er zieht weiter und sagt am nächsten Tisch sein
Sprüchlein auf.

Da momentan keine
weiteren Bestellungen eingehen, nutzt der Wirt hinter dem Zapfhahn
die Gelegenheit und holt aus einer Schublade eine Tube Handcreme
hervor, reibt sich die Hände ordentlich ein und geht dann zum
CD-Player, um die Platte zu wechseln. Denn was eine ordentliche
Bar ist, vor allem mit solch einem Namen, muss seine Besucher mit
leiser Jazzmusik beschallen, auch wenn diese vom Band kommt. Der
Kaffee ist alle, der Rest vom Wasser mischt sich mit den
schmelzenden Eiswürfeln.

Und es wird voller
in der Bar. Die Veranstaltung im Großen Haus ist auch zu
Ende und nun strömen die Gäste der Großen Bühne
Richtung Theke. Der Lärmpegel nimmt zu, von der Musik ist
nichts mehr zu hören. Dafür hat mich der Kellner
mittlerweile zum wiederholten Male vorwurfsvoll angeschaut.

Neben mir

erscheint ein Mädchen. Offensichtlich war sie nicht im
Theater, denn ich rieche die Nässe ihres Mantels. Sie hatte
offensichtlich keinen Regenschirm dabei, der sie gegen den
Schneeregen hätte schützen können. Denn auch ihr
blondes Haar, das zu einem Knoten gebunden ist, hat die Nässe
abbekommen. Sie ist außer Atem. Die Kälte hat ihre
Wangen rot gefärbt. Niedlich sieht sie aus, denn die
Regentropfen perlen noch auf ihrem Gesicht. Ich schätze ihr
Alter: Vielleicht 18, wenn nicht jünger. Geduldig wartet sie,
mit den perlenden Regentropfen im Gesicht, auf den Kellner, der
sich aufgrund des großen Andrangs an der Theke nicht sofort
um das blonde Mädchen kümmert. Noch zehn Minuten bis zur
nächsten Verabredung.