Leben in der Großstadt

Ich wohne in einem
Haus, weil es sich kaum vermeiden lässt, und in der
Innenstadt im 3. Stock, weil es sich so ergeben hat. Das zieht
aber zwingend mit sich, dass nicht nur unter und neben einem Leute
wohnen, sondern auch auf der anderen Straßenseite in den
Häusern, die auch drei bis vier Stockwerke haben. Es ist auch
zwingend so, dass man zum schaulustigen Spanner wird, weil man
automatisch seinem Gegenüber ins Wohnzimmer glotzt.

Man bekommt
irgendwie immer etwas mit, was einen vollkommen ablenkt oder
befremdet. Wenn man es also darauf abgesehen haben sollte, seine
Gedanken zu sortieren, um seine längst fälligen Memoiren
zu schreiben, sollte man das auf keinen Fall in einer Wohnung in
der Innenstadt im dritten Stock tun.

Es wäre
selbst für den geneigten Leser bestimmt verwunderlich, wenn
in den Memoiren plötzlich nach dem Hausbau und vor der Geburt
des ersten Kindes etwas über die „ich rotz einfach
jemand auf den Kopf“- Mentalität stehen würde. In
einer Abhandlung mit dem Titel „Meine Nachbarn gegenüber“
hat dieses Kapitel jedoch seine Berechtigung. Diese absonderliche
Mentalität scheint besonders bei Jugendlichen aufzutauchen.
Und ganz besonders bei dem Bayern-Trikot-Tragenden Jugendlichen
aus dem zweiten Stock im Haus gegenüber.

Nicht, das ich
etwas dagegen hätte, den Leuten, die unten auf der Straße
vorbeigehen auf den Kopf zu spucken, ganz im Gegenteil! Ich tu es
trotzdem nicht.

Erstens ist es
vollkommen sinnlos, weil sich der Rotz, bis er unten ist, schon
längst zerstreut hat. Das erwünschte Allmachtsgefühl
dürfte damit auch wohl kaum eintreffen. Das wäre so, als
ob man sich in seinen Besenschrank einsperrt und sich selbst zum
König der Welt ausruft. Zwecklos.

Zweitens ist das
total unschicklich, anderen auf den Kopf zu rotzen, auch wenn man
nicht trifft. Ich bestreite ja gar nicht, dass das Bedürfnis
durchaus vorhanden ist und wenn man im dritten Stock in der
Innenstadt wohnt vielleicht sogar zu den Grundbedürfnissen
überhaupt gehört. Besonders im Sommer und ganz besonders
an Wochenenden. Wenn man auch noch in einer Straße wohnt, wo
McDonalds, diverse Kneipen und eine Disco in der unmittelbaren
Nähe sind, sollte das Ausdemfensterspucken nicht nur
straffrei bleiben, sondern sogar erwünscht sein. Wenn man
sich die ganzen markenklamottenverseuchten Jugendbanden ansehen
muss, die zu nachtschlafener Zeit grölend durch die
Innenstadt ziehen, ich sag Ihnen, da macht man was mit. Ich
persönlich hab noch ein paar verfaulte Eier in der Hinterhand
und warte eigentlich nur noch auf den passenden Anlass.

Aus der
Lokalredaktion Trier ein genervter Kai Kugler