Mein Nachbar gegenüber

Dieser Mensch
treibt mich in den Wahnsinn. Ich kann nicht mehr, ich verkrafte es
nicht.

Dabei kenn ich ihn
nicht einmal. Es handelt sich um den jungen Herrn, der in dem Haus
gegenüber wohnt und dem ich schräg in sein Zimmer sehen
kann.

Das erste, was
mich fertig macht ist, dass er sehr viel arbeitet. Sitzt am
Schreibtisch und arbeitet. Mein Neid auf dessen Motivation wächst
sich fast zu einem kleinen Hass aus. Auch, was sag ich: die pure
Verachtung! Er arbeitet ja nicht nur, das wär noch sehr
tolerabel. Richtig schlimm ist, dass er meditiert oder was auch
immer. Er sitzt auf seinem Bett im Schneidersitz mit gefalteten
Händen. Kann natürlich sein, dass er mich nur zum Narren
hält und in Wirklichkeit nur so rumsitzt, um mich zu
verarschen.

Ha, denkt er sich,
jetzt tu ich mal wieder für ’ne Stunde, als wäre ich der
ausgeglichenste Mensch der Welt. 

Der Mann raubt mir
den Nerv. Er faltet die Hände, sitzt da mit geschlossenen
Augen, verbeugt sich mal, steht mal auf und geht im Zimmer herum,
verbeugt sich wieder…

Dann sitzt er
wieder auf dem Bett, nimmt ein Glöckchen und bimmelt, bimmelt
sich sein Seelenheil herbei, meditiert sich jung und schön
und macht mich damit alt und krank.

Ich werde zum
nikotinsüchtigen Mitdemfingeraufdentischklopfer, wenn ich mir
diesen Kerl ansehe. Seine Ausgeglichenheit macht mich nervös.
Er raubt mir meine Lebensenergien, quetscht mich aus, wie eine
Rübe bis ich vertrocknet und verbraucht irgendwo in der Ecke
liege. Da sitzt er immer noch…

Hör auf!
Scheiße.

Entschuldigen Sie
mich, ich muss mal eben einen Radiowecker in ein Fenster meines
Nachbarhauses werfen.

Kochend vor Wut
aus der Regionalredaktion Trier: Kai Kugler.