Warum mir eigentlich alles egal ist 2

Für meine mit Vorurteilen behafteten Äußerungen
zum Verhalten der Freiburger Studentenschaft anlässlich des
Besuches unseres Bundesaußenministers Fischer möchte ich
mich entschuldigen. Vermutet hatte ich, dass der langhaarige Pöbel
, der selbstverständlich nicht zum Vortrag des
Bundesaußenministers Fischer vorgelassen wurde, durch
proletenhaftes Verhalten auffallen würde. Wie ich der örtlichen
Tagespresse entnehmen konnte, verhielten sich die Wartenden äußerst
friedlich, fielen nur durch engagierte "Fischer hilf"-Rufe
auf. Was das nun wieder bedeuten soll, weiß ich auch nicht. Den
Versuch, wenigstens einen biblischen Bezug herzustellen
(Petrus=Fischer; Hilfe=christliche Tugend), habe ich ganz schnell
wieder aufgegeben. Vermutlich hatte den Herrschaften irgendwann einer
mal gesagt, dass man bei großen Zusammenrottungen irgendwas
brüllen muss, und irgendwas haben sie schließlich
gebrüllt.

Beispielhaft für das lückenhafte Geschichtsbewusstsein
der Freiburger Studentenschaft darf ich wohl folgende Aussage
zitieren, die ich ebenfalls der Freiburger Tagespresse entnehme: "Wir
sehen das mit den Siebzigern doch eher positiv." Wem zu den
Siebzigern sowieso nur die Doors und freie Liebe einfällt, sieht
die Siebziger natürlich positiv. Vielleicht hätte da
Fischer wirklich helfen sollen und den Herrschaften mit den bunten
Wollpullovern das Frankfurter "Häuserkampflied"
entgegenschmettern sollen: "Reiht euch ein, seid zu kämpfen
bereit/ Sind wir nur fest entschlossen / Jetzt zu kämpfen,
Genossen / Dann wird unsere Stadt bald befreit." So aber hatten
die Putzfrauen am nächsten Tag nur ein paar lange Haare aus dem
Foyer zu fegen.

Zur Freiburger Studentenschaft fällt mir noch eine
Begebenheit vom Wochenende ein: Das Freiburger "ELPI", eine
seit seiner Eröffnung nicht mehr renovierte Studentenkellerbar,
feierte seinen 20. Geburtstag. Gekommen waren die Leute, die man dort
sowieso immer antrifft. Unter anderem gehört dazu die große
Gruppe der Freiburger Barfußtänzer. Denen ist es dann auch
scheißegal, ob auf dem Boden irgendwelche klebrigen
Bierglasscherben liegen. Ich bin dummerweise einem solchen Exemplar
voll auf den dreckigen Fuß gestiegen, was dieser dann mit einem
Schmerzenslaut quittierte. Im gleichen Moment wechselte dann sein
Gesichtsausdruck zu einem freundlichen Lächeln: "S’isch
scho recht. War ja koi Absicht." Wenn er mir diese unterstellt
hätte, wäre ich ihm wahrscheinlich noch auf den anderen Fuß
gestiegen.

Zum Abschluss noch ein paar Gedanken, die sich Michel Houellebecq
zum Thema Studentendemos gemacht. Zuerst betont er grundsätzlich
positive Effekte, wie Zusammengehörigkeitsgefühl und
kollektive Trunkenheit, um dann fortzufahren: "Leider folgt die
Massenpsychologie unwandelbaren Gesetzen: der Herrschaft der dümmsten
und aggressivsten Bestandteile. (…) Man ist folglich vor die
gleiche Wahl gestellt wie im Nachtclub: aufbrechen, bevor es zu
Handgreiflichkeiten kommt, oder anbaggern (…)." Wenn aber in
Freiburg nur "Fischer hilf" gebrüllt wird, wird es
noch nicht mal zu Handgreiflichkeiten kommen. Ich bin übrigens
immer noch verliebt.