Warum mir eigentlich alles egal ist 3

Gerade schien noch die Sonne, und jetzt fallen vereinzelt ein paar
Schneeflocken vom grauen Himmel. Langsam fühle ich mich wieder
etwas besser. Meine klammheimliche Freude, dass in der Küche des
unter mir liegenden spanischen Weinrestaurants möglicherweise
mal das Gesundheitsamt vorbeigeschaut hat, ist verflogen: Es wird
gebraten wie eh und je, und allmählich rieche ich auch wieder,
was heute auf der Tageskarte steht. Das ist eigentlich immer
dasselbe, wenn mich mein Geruchssinn nicht täuscht: Hauptsache
Knoblauch ist dran. Was die Gäste dann nicht bestellt haben,
kann ich riechen, wenn ich auf meinen Balkon trete. Im Hinterhof
stehen nämlich die Mülltonnen des Restaurants, aus denen es
dann im späteren Verlauf des Abends vor allem nach verfaultem
Fisch stinkt. Dann kriege ich meistens auch noch mit, dass das
türkische Küchenpersonal einen mittelmäßig bis
ziemlich schlechten Musikgeschmack hat. Bei geöffnetem
Küchenfenster dringt dann wahlweise lautstarke fremdländische
Folklore oder der schlechteste Radiosender Deutschlands an mein Ohr.
Das ist nämlich SWR3, das es im Gegensatz zu Eins Live noch
nicht einmal nach 20 Uhr schafft, die übliche
Mainstream-Dudelscheiße zu stoppen und ordentliche Musik zu
spielen. Stattdessen wird Stefanie Tücking ans Mikrophon
gelassen.

Wie ich der örtlichen Tagespresse entnehmen kann, musste der
Sexshop, an dem ich jeden Tag vorbeiradele, seine frivole Auslage
räumen. Das war nach meiner Meinung schon lange fällig,
weil es die Herrschaften über zwei Jahre nicht geschafft haben,
die Weihnachtsdeko auszutauschen. Das Viertel, in dem der Sexshop
angesiedelt ist, gilt in Freiburg als berüchtigt. Der einzige
normale Laden, eingezwängt zwischen Sexshop und einem
Etablissement mit dem Namen "Studio 6", ist ein Schuster,
zu dem ich immer meine Schuhe bringe. Der Besitzer ist ein Handwerker
vom alten Schlag: Um 7 Uhr öffnet er seinen Laden, um 12 Uhr ist
Mittagspause, um 14 Uhr geht es bis 18 Uhr weiter. Da schätzen
die Läden drumherum wohl etwas andere Öffnungszeiten, auch
wenn sie möglicherweise die gleiche Klientel bedienen.
Wochenlang hing am Sexshop übrigens eine Stellenausschreibung:
"Bedienung für den Kassenbereich gesucht. Interessenten
bitte beim Geschäftsführer melden." Eine ernsthafte
Alternative, habe ich mir gedacht, falls ich bei der Volkshochschule
mal rausfliege.

Wo wir schon beim Thema sind, kann ich ja gleich mal erzählen,
in welche literarischen Abgründe ich wieder mal geraten bin:
"Ich habe mir ein Prinz-Albert-Piercing (Eichelring) stechen
lassen. Kurz danach bemerkte ich eine grünliche Verfärbung,
die sich um das Loch breitmachte (…)", schreibt da R.B. aus
Braunschweig in der Hardcore-"Liebe, Sex und
Zärtlichkeit"-Rubrik der Februarausgabe des neuen
Hochglanzmagazins FHM (S.192). Lieber R.B. aus Braunschweig, Du bist
ziemlich krank, fällt mir dazu nur ein. FHM ist übrigens
das schlechteste Hochglanzmagazin der Welt, mit der schlechtesten
Schlussredaktion der Welt. Allein beim groben Lesen sind mir fünf
Rechtschreibfehler aufgefallen. Was wohl sonst niemand auffallen
wird, weil ich wohl der einzige bin, der das Heft wegen seiner Texte
gekauft hat. Dazu fällt mir schon wieder Michel Houellebecq ein:
"Geschlechtsakte finden statt, selbst wenn der Genuss nicht
immer zur Stelle ist." Übrigens bin ich immer noch
verliebt.