Warum mir eigentlich alles egal ist 4

Habe heute in der Uni-Bibliothek ein Buch zurück gegeben, was
eigentlich schon vergangene Woche fällig war. Weil ich aber
nicht wusste, dass das Buch längst wieder in der Bibliothek
stehen musste, habe ich es erst heute zurück gebracht. Das ist
nämlich so in Freiburg: Der vergessliche Student wird durch
eine formlose Postkarte darauf hingewiesen, dass er einen
Rückgabetermin verpennt hat, zuzüglich eines Hinweises über
die Mahngebühren auf dem Medienkonto. Der vergessliche Student
erhält diese Postkarte aber so spät, dass zu den auf der
Postkarte aufgeführten Mahngebühren schon die nächsten
Gebühren aufgelaufen sind. Außerdem die Portokosten für
die viel zu spät eingetroffene Postkarte. Das ganze summiert
sich dann, wenn der vergessliche Student nicht nur ein Buch vergessen
hat, sondern gleich mehrere. Denn die Uni-Bibliothek verschickt für
jedes vergessene Buch eine Postkarte. So bin ich im vergangenen Jahr
eine Summe losgeworden, mit der man mühelos einen schönen
Grundstock für eine eigene Bibliothek legen könnte.

Früher bekam man bestellte Bücher, die nicht sofort
ausleihbar waren, an einem Schalter von einem freundlichen
Bibliotheks-Mitarbeiter ausgehändigt. Seit neuestem ist der
Schalter geschlossen, und man muss sich die bestellten Bücher
selbst aus dem Regal nehmen und sie dann zur Buchung an einen anderen
Schalter bringen. Da sitzt nun der freundliche
Bibliotheks-Mitarbeiter und sieht gar nicht mehr so freundlich aus.
"Warum muss ich mir denn jetzt die Bücher selbst aus dem
Regal holen? Wird da etwa an Personal gespart?", frage ich.
"Genau so isch’s. Schäne Tag noch", antwortet der
Bibliotheks-Mitarbeiter.

Wo man in diesem Saftladen am besten einsparen könnte, fällt
mir ein, als ich zur Garderobe komme. Da stehen nämlich jeden
Tag acht Mitarbeiter, die immer ein Gesicht machen, als seien sie
bereits entlassen worden. Im Winter sehe ich diesen personellen
Aufwand ja noch ein, weil da jeder Studierende neben seiner
verranzten Jutetasche auch noch sein Mäntelchen abgibt. Lustig
wird es erst im Sommer, wenn die Herrschaften wegen der Klimaanlage
im Haus noch nicht einmal ins Schwitzen kommen und fürs
Nichtstun trotzdem die gleiche Kohle bekommen. Besonders ins Herz
habe ich einen kleinen Dicken geschlossen, der immer witzige
bedruckte T-Shirts trägt. Damit scheint aber sein Humor auch
schon erschöpft zu sein. Der Mitarbeiter weigert sich nämlich
standhaft zehn Schritte von seinem Standort zu gehen, um meine Jacke
in Empfang zu nehmen. Stattdessen gibt er mit seinem dicken
Zeigefinger Zeichen und macht ein empörtes Gesicht. Sowas macht
sich mit meiner Mahngebühren-Kohle einen schönen Tag und
kauft sich witzige bedruckte T-Shirts.

Und was fällt Michel Houellebecq zum Thema Rationalisierung
ein? "Die Verwendung der ersten Computer für
Verwaltungsaufgaben hatte das sofortige Verschwinden jeglicher
Freiheit und Flexibilität bei der Umsetzung von Arbeitsverfahren
– kurz, die brutale Proletarisierung der Angestelltenschicht – zur
Folge." Ich fordere ab sofort den Einsatz von Robotern an der
Garderobe der altehrwürdigen Uni-Bibliothek Freiburg im
Breisgau. Übrigens bin ich immer noch verliebt.