Warum mir eigentlich alles egal ist 5

Ich bin etwas erschreckt, weil ich festgestellt habe, dass ich am
kommenden Wochenende meine Mittelhochdeutsch-Klausur schreiben muss.
Samstags morgens, von 9.15 bis 12.45 Uhr. Und dabei bin ich momentan
viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als schreiben zu
können, dass König Artus die besten Partys gegeben hat und
was eine Lautverschiebung von einer Monophtongierung unterscheidet.
Und ich frage mich wieder einmal: Ist es wirklich notwendig drei
Monate ein Seminar zu besuchen, wenn am Ende doch nur die Note in der
Klausur zählt? Argumente dafür: Das Ziel des Studiums ist
nicht primär der Scheinerwerb, sondern einen Eindruck von der
Vielschichtigkeit eines Themas zu erhalten. Deshalb ist es notwendig,
dies über einen längeren Zeitraum zu tun, auch wenn die
Kürze des Semesters Beschränkungen notwendig macht. Eine
Klausur ist deshalb notwendig, weil sie die einzige Möglichkeit
ist, den Wissensstand der Studierenden zu überprüfen. Weil
die Studierenden die Klausur vorher nicht kennen, ist auch eine
Notengebung gerechtfertigt. Argumente dagegen: Eine Klausur ist
Schikane. Da man nicht alles wissen kann und die Studierenden die
Klausur wirklich nicht vorher kennen, ist alles ein Glücksspiel.
Entweder man hat Glück oder Pech. Außerdem geht es beim
Studium um nichts anderes als Scheine. Welcher Student besucht schon
Kurse, weil er ansonsten nichts mit seiner freien Zeit anfangen kann?
Die Gegengründe gefallen mir wesentlich besser. Bringt aber
trotzdem nichts.

Wie ich der örtlichen Tagespresse entnehmen kann, hat es am
Schwabentor, unweit des Erotik-Shops, einen schweren Unfall gegeben.
Ein Junge ist von einem Laster überfahren worden und starb trotz
Fahrradhelms noch am Unfallort. Ich wurde sehr traurig, als ich heute
beim Vorbeiradeln die Kreidestriche der Polizei zum Unfallhergang auf
der Straße sah. Und die Stelle, wo der Junge wohl gelegen hat.
Neben der Tragik des Unfalls ist aber auch die Kameraperspektive
interessant, die der Zeitungsfotograf eingenommen hat: Es ist von
weit entfernt aufgenommen. Man sieht die Straßenecke, den
Laster, zwei Polizeiautos, vier Polizisten, das Fahrrad des Jungen
und einen Mann, der unter dem Laster kniet. Eine Entwicklung, die es
in der Unfallfotografie noch nicht so lange gibt. Die Zeiten, dass
der Fotograf am liebsten auch unter den Laster gekrochen wäre,
sind vorbei. Selbst die Bild-Zeitung kauft keine blutrünstigen
Fotos mehr auf, wenn nicht gerade der Papst unter den Laster geraten
ist. Und selbst dann würde man wohl eher ein Foto der trauernden
Jungfrauen auf dem Petersplatz nehmen. Darum geht es nämlich
heute in der Pressewelt: Emotionen auslösen, und keine
Ekelgefühle.

Um nicht ganz in Trauer zu verfallen, zitiere ich zur Abwechslung
mal Christoph Schlingensief: "Unsere Gesellschaft erstickt (…)
letzten Endes an der Konsensbildung, an der Kotze, daß man sich
nach einer halben Stunde wieder total einigen kann, im Notfall auf
den Rotwein (…).Und das ist die Kotze, die uns hier oben rauskommt
und die uns den Atem nimmt." Ich warte meistens so lange, bis
sich meine Gegner leergeredet haben. Irgendwann gehen ihnen die
Argumente aus, während ich meine Stimme geschont habe. Das hat
dann auch nichts mit stillem Konsens zu tun, sondern eher mit stiller
Missachtung meinerseits. Aus Diskussionen des Diskutierens wegens,
wie es an der Uni permanent praktiziert wird, halte ich mich
grundsätzlich raus. Es bringt nichts, schließlich geht es
ja nur um den Schein. Und den kriegt man eh durch die Klausur. Ich
bin übrigens immer noch verliebt.