Warum mir eigentlich alles egal ist 6

Schon wieder einen Pflichttermin verpasst: Wie ich der örtlichen
Tagespresse entnehme, hat der frischgebackene Kulturstaatsminister
Julian Nida-Rümelin Freiburg einen Besuch abgestattet. Wie er
den laut Zeitung 100 Zuschauern (also waren es nur maximal 60, wenn
man den Veranstalter, seine Mitarbeiter, die Leute, die immer da sein
müssen und den Grad der Faulheit zum Zählen der Zuschauer
des Schreibers abzieht) mitteilte, wäre es Zeit, mal wieder
anders über Kultur zu diskutieren, nicht nur über Kosten
und Bürokratie, sondern "Inhaltliches". Das
"derzeitige Interesse der Bürger an Kulturpolitik"
müsse ausgenutzt werden. Sein Stichwort: "Kunst im
öffentlichen Raum". Dazu fällt mir das wahnsinnig
hässliche Gebilde ein, das seit Jahren auf dem Uni-Campus vor
sich hingammelt. Wenn ein Künstler noch nicht einmal in der Lage
ist, Materialien zu verwenden, die nicht rosten, kann ihm auch nicht
mehr geholfen werden. Ich fordere deshalb den sofortigen Abriss
dieses ekelhaften Teils, weil es sogar Castor- und Expogegner
vermeiden, das Ding als Litfasssäule zu nutzen.

Da die taz heute im Supermarkt schon vergriffen war (seit wann
stehen taz-Leser früh auf?) , habe ich notgedrungen zum
Wochenmagazin "Freitag" gegriffen. Zuerst habe ich mich
über den Preis geärgert (fünf Mark), zu Hause aber
dann doch gemerkt, dass mein Kauf gar nicht so schlecht war. Das Heft
widmet sich größtenteils der 68er-Generation. Und weil
Günter Gaus Mitherausgeber ist, hat das Blatt das berühmte
Fernseh-Interview mit Rudi Dutschke abgedruckt. Wer das Gespräch
mal gesehen hat, weiß, warum es so berühmt ist: Dutschke
sitzt da in der schwarzen Kulisse, vier oder fünf Kameras surren
um ihn herum, zeigen ihn von allen Seiten, und im Hintergrund stellt
Gaus mit näselndem norddeutschen Akzent Fragen. Dutschke bleibt
völlig ruhig und sagt dann so schöne Sache wie: "Wir
können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen
hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen,
keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt." Oder:
"Wenn die freie Gesellschaft sehr unwahrscheinlich ist, bedarf
es umso größerer Anstrengungen, die historische
Möglichkeit zu verwirklichen, ohne die Sicherheit zu haben, dass
es wirklich gelingen wird. Es hängt vom Willen der Menschen ab,
dass sie es schaffen, und wenn wir es nicht schaffen, dann haben wir
eine historische Periode verloren. Als Alternative steht vielleicht
Barbarei!"

Die Barbarei ist nun da, und so muss ich mich in Seminare quälen,
die sich fragen, warum der Kommunismus so schlecht war. Zur Barbarei
gehört dann auch, dass ich Texte amerikanischer Historiker
lesen muss. "Was jazz socialist, capitalist, or neither? If
capitalist, could jazz nonetheless be permitted, provided there were
enough other cultural activities that were unambiguously socialist,
whatever those might be?", fragt beispielsweise Stephen Kotkin
und reibt sich wahrscheinlich die Hände, weil ihm so ein geiler
Vergleich eingefallen ist. Dabei sollte er sich lieber fragen, welche
tollen Sachen das Kulturland Amerika noch hervorgebracht, außer
Jazz. Wahrscheinlich fällt ihm dann Hiphop und Walt Whitman ein,
vielleicht auch noch Basketball. Übrigens bin ich immer noch
verliebt.