Warum mir eigentlich alles egal ist 9

Es lohnt sich doch, dass ich jeden Tag zum Frühstück die
Todesanzeigen in der lokalen Tagespresse studiere. So habe ich zum
Beispiel als erster vom Tod der Mutter meines Latein-Dozenten
erfahren. Und weil Universitäts-Angestellten beim Ableben eines
nahen Verwandten zwei Tage Urlaub zustehen, hatte ich an diesem Tag
kein Latein. Außerdem bekommt man beim Lesen unfreiwillig
Vorlagen, wie man es nicht machen sollte. In eine übliche
deutsche Todesanzeige, wie sie jeder Beerdigungsunternehmer in seinem
Katalog hat, gehört oben rechts ein Sprüchlein, wie:

Schlicht und einfach war dein Leben
treu und fleißig
deine Hand,
hast dein Bestes uns gegeben,
schlafe wohl, hab‘
vielen Dank.

Bösartig zwischen den Zeilen gelesen heißt das jetzt:
Der Verstorbene war geizig, ständig auf Geschäftsreise und
hatte deshalb nie Zeit für seine Familie. Ohne Vorurteile
gelesen wollte die Familie nur die guten Seiten des Verstorbenen
darstellen, weil man ja über Tote nicht schlecht spricht. Oder
doch die Verwandten ärgern, die keine persönliche
Sterbeanzeige geschickt bekommen haben (inklusive Kärtchen für
den Leichenschmaus). Die Sprüche wiederholen sich oft: Wem
nichts einfällt, nimmt die Bibel, wer deutsche Dichter schätzt,
Hesse oder Schiller, die ganz Kreativen nehmen ein Zitat aus dem
"Kleinen Prinz", das Bildungsbürgertum aus dem "Petit
Prince". Ganz schlecht ist die Sorte Sprüchlein, die sich
nach Büttenrede oder wie von Oma gereimt anhört (s.o.).

Oft sind die Verfasser der Sprüchlein nicht angegeben, so
dass sich zwangsweise Fehler einschleichen. Heute tauchten zwei
verschiedene Versionen von ein und demselben Vers auf. Einmal:

Wenn die Kraft zu Ende geht,
ist Erlösung Gnade.

Die zweite Variante:

Wenn die Kraft zu Ende geht,
ist Erlösung eine
Gnade.

Welche Fassung nun stimmt, mag ich nicht zu sagen. Ich tippe auf
die erste. Geradezu peinlich sind Rechtschreibfehler in
Todesanzeigen, wie zum Beispiel heute beim "Omnibusunternehmer"
Artur Boch, wo die Verwandten bitten "von Beileidbezeigungen"
Abstand zu nehmen. Dieser Fehler ist weder durch große Trauer
noch durch die Feinheiten des badischen Dialekts zu entschuldigen.
Der Beerdigungsunternehmer sollte lieber mal seinen Computer
anschmeißen und die fehlerhafte Datei ändern. Denn dieser
Satz wird häufiger mal gebraucht.

Darf man so über eine solch ernste Sache wie den Tod
schreiben, frage ich mich, während ich die beiden ersten beiden
Absätze noch einmal durchlese. Es geht noch kälter: "Und
plötzlich erinnere ich mich schmerzlich, wie gerne ich Alison an
diesem Frühlingsnachmittag hätte zu Tode bluten sehen, aber
etwas hatte mich zurückgehalten." (‚American
Psycho‘, Seite 290). Aber es geht auch viel, viel schöner:

Seid, Augen mein, gewiß:
Die Zeit vergeht, und
jene Stunde naht
Und setzt ein Ende eurer Tränenflut.
Euch
Flieh die Finsternis,
Solange ihre Gnad‘
Auf dieser Erde
hold
zu sein geruht.
Und ist der Herr so gut
Und schenkt ihr
Heiligenwonne –
Wenn meine Lebenssonne
Sich von uns kehr zu
jenen Himmelsauene,
Was, Augen, bleibt auf Erden euch zu
schauen?
 
(Michelangelo).

Solche Verse gehören in eine Todesanzeige, sofern der
Verstorbene christlich getauft war. Und nicht wie die knauserigen
Stammtischkollegen des verstorbenen "Omnibusunternehmers"
Artur Boch, die sich mit einem nichtssagenden "Adieu"
verabschiedet haben. Außerdem bin ich immer noch verliebt.