Warum mir eigentlich alles egal ist 10

Okay, dann erzähle ich zur Abwechslung mal etwas Positives:
Heute morgen stand ich an der Straßenbahnhaltestelle
Stadttheater, und auf einmal ging im Baum hinter mir das große
Geschilpe los. Die Vogelmutter war wohl gerade in ihr Nest zurück
gekehrt und hatte Futter für ihre Jungen organisiert. Nicht nur
ich drehte mich nach dem Baum um und blickte in die Krone, um einen
Blick auf das Nest zu bekommen. Aber trotz des saisonbedingten kahlen
Baumkleids hatte es die Vogelmutter wohl geschafft, ihr Nest
strategisch günstig, also unsichtbar für alle Gaffer und
potentiellen Feinde, zu platzieren. Das Geschilpe wollte gar nicht
mehr aufhören, so dass ich annehme, dass die Mutter wohl einen
guten Tag hatte. Und das, wo der Betonierungsfaktor in der Innenstadt
ziemlich hoch ist. Mutter Natur setzt sich halt immer noch durch,
auch wenn der Mensch dies verhindern möchte.

Und noch etwas Positives schreibe ich jetzt auf: Ich habe vor
einigen Tagen die Frau meines Vermieters getroffen, als ich gerade
beim Müllwegbringen war. Ich habe sie nett gegrüßt,
sie hat nett zurück gegrüßt. Und dann sagte sie mir
mit einem Lächeln im Gesicht und nachsichtigem Kopfschütteln,
dass es im Treppenhaus immer noch permanent nach Rauche rieche. Und
mit tadelnder Stimme fragte sie mich, was mir denn einfallen würde,
mir in der Wohnung eine Zigarette anzustecken. Ich fühlte mich
stark zurückerinnert an eine Szene vor ein paar Monaten, als
mein Vermieter am Morgen nach einer kleinen Party wutentbrannt anrief
und mir vorhielt, er habe wegen des Qualms im Flur bis zwei Uhr
nachts kein Auge zumachen können um sich anschließend in
einen zehnminütigen Cholerikanfall hineinzureden. Das Gespräch
endete damals mit meinem Hinweis, er solle wieder anrufen, wenn er
sich beruhigt habe, weil ich mich von nichts und niemanden in der
Welt beleidigen lasse. Damals bin ich etwas wütend geworden,
diesmal blieb ich gelassener: "Ich kann mir gar nicht erklären,
warum es im Flur nach Rauch riecht. Ich beschränke meinen
Zigarettenkonsum sowieso auf ein Minimum, und zwar auf dem Balkon",
heuchelte ich mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Ich
brachte die Mülltüte weg, und als ich wieder nach oben kam,
stand die Vermieterin schnüffelnd vor meiner Tür: "Oh,
da muss ich mich wohl bei Ihnen entschuldigen. In Ihrer Wohnung
riecht es tatsächlich nicht nach Qualm." Es hat also doch
Vorteile, wenn man Kochaktionen mit gedünsteten Zwiebeln und
Knoblauch startet. So weit, so entspannend, dachte ich mir, während
ich mir in meinen Zimmer eine Zigarette anmachte.

Und dann drückte ich ganz entspannt auf die Taste meines
CD-Spielers, wo seit einer Woche permanent eine der schönsten
Neuerscheinungen der letzten Zeit steckt. Nämlich die CD der
isländischen Gruppe Sigur Rós, Und das auch nur, weil es
mein favorisierter Plattenhändler in drei Wochen nicht geschafft
hat, das Ding als Vinyl zu bekommen ("S’isch wohl ein Engpass").
Neuerscheinung ist das falsche Wort, weil die Platte von 1998 ist und
jetzt erst langsam Deutschland erreicht. Als ich erste Ausschnitte
im vergangenen Sommer bei "Raum und Zeit" hörte, bin
ich sofort in die Düsseldorfer Plattenläden gelaufen, wo
mich die Plattenhändler ziemlich blöd angeschaut haben.
Jetzt ärgert mich, das Sigur Rós als CD des Monats groß
bei WOM im Schaufenster plakatiert ist. Ich fühlte mich spontan
an einen Spruch von Benjamin von Stuckrad-Barre erinnert, der zur
"Urban Hymns"-Platte von The Verve gesagt hat, dazu müsse
man auf den Tisch steigen und laut mitgröhlen. Leider kann ich
kein isländisch. Außerdem bin ich immer noch verliebt.