Warum mir eigentlich alles egal ist 12

Bei meiner ersten morgendlichen Zigarette auf dem Balkon habe ich gesehen, dass den Besitzern des benachbarten spanischen Weinrestaurants der Wäscheständer mit den frischen Handtüchern und Schürzen in den Dreck gekippt ist. Das ist in der Vergangenheit nach stürmischen Nächten schon mehrmals passiert und deshalb ein weiterer Grund, dieses Etablissement niemals aufzusuchen. Denn üblicherweise taucht nachmittags dann ein laut fluchender Restaurantbediensteter auf, stellt den Wäscheständer wieder richtig hin und klopft den Siff von den Handtüchern ab. So kann ich mir ungefähr vorstellen, wie es abläuft, wenn in der Küche aus Versehen das geschnibbelte Gemüse auf den Boden fällt.

Apropos frische Handtücher: In meinem präfererierten Waschsalon kommt man normalerweise sehr leicht ins Gespräch, insbesonders dann, wenn unbeholfene Neulinge an den Maschinen hantieren. Bei meinem letzten Besuch tauchte ein offensichtlich Obdachloser auf: „Wer wäscht denn hier?“ fragte er und schaute sich um. „Wohl alle hier. Das ist schließlich ein Waschsalon“, antwortete ich, weil ich meine Klappe nie halten kann. „Kannscht mei Hose mitwaschen? Ich bin nämlich ein alter Waschsalon-Schnorrer.“ Zum Glück hatte ich die Maschine mit meiner Wäsche schon gestartet. Übrig blieb die Trommel mit unseren Badematten und verdreckten Küchenhandtüchern. „Na gut, pack die Hose dazu“, sagte ich und drückte auf den 95 Grad-Kochwäsche-Knopf. Ein Waschgang dauert 35 Minuten. Und es wurden die längsten 35 Minuten, die man sich vorstellen kann. Wahrscheinlich aus Dankbarkeit meinte der Obdachlose wohl, er müsse mir seine Lebensgeschichte erzählen. Das wäre ja nicht so schlimm gewesen, hätte er nicht diese Bierfahne gehabt. Was von den Sachen, die er mir erzählt hat, stimmt, kann man sich selbst aussuchen: Er wäre in Marokko mal im Knast gelandet. Ob ich denn rechnen könne? 2 mal 2 Meter, soviel Platz sei in der Zelle gewesen, und das mit 14 Mann. Alles Moslems, und dazu die Hitze. Zum Glück sei er ja Christ, und er habe eine Bibel bekommen, und die Moslems in der Zelle seien neidisch gewesen, weil er so als einziger Blättchen gehabt hätte. Drei Monate habe er gesessen, und alles nur, weil sich der Vater seiner damaligen Freundin, nicht für ihn eingesetzt habe. Und dabei sei der doch marokkanischer Geheimdienstchef gewesen. Seitdem meide er Nordafrika. Der Obdachlose spendierte dann noch den Trockner, um sich danach lautstark zu beschweren, dass ich seine Hose zusammen mit unseren „Pissmatten“ gewaschen hätte. Höflichkeit ist eine Zier, habe ich gedacht aber nicht gesagt.

Der Grad meiner Verrohung nimmt weiterhin zu, was wohl mit meinem Interesse an Büchern zusammen hängt, die mal irgendwann auf dem Index gelandet sind. In diesem Falle Henry Millers „Opus Pistorum“. Ein Werk, das man sich am besten übers Internet bestellt, weil es doch zu peinlich ist, danach im Buchladen zu fragen. Als es nach zwei Tagen geliefert wurde, wusste ich auch, warum es jahrelang nur unter dem Ladentisch zu bekommen war: Das Werk ist eine 432-seitige Wichsvorlage ohne Bilder. Das heißt, dass man wahllos eine Seite aufschlagen kann und auf jeden Fall irgendeine sexuelle Handlung beschrieben wird („…er steckt seine Zunge in Toots‘ Falle und zieht sie tropfend wieder heraus…dann schlürft er gierig den Saft, der in ihren Busch gesickert ist….“, Seite 111). Henry Miller lässt keine Geschmacklosigkeit aus, und ich gebe angeekelt auf, nach einem Handlungsstrang zu suchen. Kleiner Tipp: Besser nicht den Eltern zum Hochzeitstag schenken. Außerdem bin ich immer noch verliebt.