Che ist super

Gesetzt den Fall, dass das literarische Oeuvre von Ernesto „Che“ Guevara bisher spurlos an Euch vorübergegangen ist, lasst es Euch gesagt sein: Revolution kann auch Spaß machen – aber auch nicht immer. Ches Tagebücher haben durchaus ihren eigenen Unterhaltungswert. Wenn man den ideologisch verbrämten Mist einmal weglässt, ergibt sich das Bild eines netten jungen Mannes, der nur nicht ganz begriffen zu haben scheint, dass es schönere Sachen auf dieser Welt gibt als eine 75-Millimeter-Kanone.

Grundlage dieses Artikels sind zwei Selbstzeugnisse Ches, die erst kürzlich auf den deutschen Markt geworfen wurden. Zum einen das „Tagebuch einer Motorradreise 1951/52“, zum anderen „Das wieder aufgefundene Tagebuch vom revolutionären Kampf im Kongo“, von 1965. Der Grund für diese Auswahl: als Che zu seiner Motorradreise aufbricht, ist er politisch noch völlig unbeleckt, die kubanische Revolution ist noch ganz, ganz weit weg. Bei der Kongo-Aktion wiederum ist die Revolution schon wieder lange, lange vorbei, Che ist auf der Suche nach neuen Abenteuern und will irgendwie die Revolution auf den schwarzen Kontinent bringen.

Probleme tauchen schon beim groben Durchblättern auf: Die Tagebücher sind gar keine Tagebücher (‚Liebes Tagebuch, heute schreibe ich Dir, wie ich blababla usw. usf.‘), sondern mehr oder minder chronologische Erlebnisberichte, die nachträglich editiert wurden. Das fängt bei den Vorworten an. Ches Vater baut den Mythos im Motorrad-Tagebuch auf: „Erst später begriffen wir durch seine Briefe, daß er einer wahren Berufung gehorchte, die er zeitlebens nicht aufgab.“ Im Tagebuch selbst merkt man von der Berufung nicht allzuviel. Vielmehr macht er auf seiner Tour durch Argentinien, Chile und Peru das, was junge Menschen mit Rucksack halt so machen: Trinken, Essen und das alles durch Einzecken mit fadenscheinigen Empfehlungsschreiben.

Das Buch liest sich sehr flüssig und man erfährt viele wertvolle Sachen, die auch für unseren Alltag interessant sein können. So bekommt Che beispielsweise einen Asthmaanfall, hat aber keine Medikamente mit: „Eingewickelt in einer Decke (…), sah ich zu, wie es regnete, und rauchte eine schwarze Zigarre nach der anderen, um mir ein bisschen Erleichterung zu verschaffen.“ Lebensfreude pur: „Der chilenische Wein schmeckt ausgezeichnet, und ich trank mit sensationeller Geschwindigkeit, so daß ich mich, als wir zum Dorftanz gingen, zu den größten Heldentaten berufen fühlte.“ Und das war bestimmt nicht die Revolution. Ein sehr schöner Bericht für diejenigen unter Euch Genossen, die mal SElbsterfahrungen in Südamerika machen wollen.

Wie anders das Bild beim Kongo-Buch. Um es kurz zu fassen: Das Werk ist für den Leser eine Zumutung, eine Frechheit, die ihresgleichen sucht. Das liegt zum einen an Che, weil er in einer Tour neue Namen einführt (bevorzugt afrikanische, die für mich alle gleich klingen), keinen richtigen Faden findet, indem er permanent reflektiert und Ereignissen vorgreift – wie gesagt: ein Tagebuch, das kein Tagebuch ist. Die Running Gags sind die Passagen, wo Che über die gelangweilten kongolesischen Krieger herzieht: „Wenn jemand keine Lust hatte, etwas zu schleppen, sagte er: ‚Mimi hapana motocari‘, was so viel heißt wie ‚Ich bin kein Lastwagen‘; manchmal, in Gegenwart von Kubanern, hieß es: ‚Mimi hapana cuban‘, ‚Ich bin kein Kubaner‘.“ Sehr lustig, aber die Ausnahme.

Es ist ein Kriegsroman, aber bis zum Schlusswort bleibt völlig unklar wer da gegen wen, wann und wie kämpft. Und wenn es schon ein Kriegsroman sein muss, sollte man das doch zumindest lebendig schildern können (wie zum Beispiel Luis Trenker 1937 in seinem Klassiker „Sperrfort Rocca Alta“, Seite 125: „es schmettert mit Steilschüssen und wirft ungeheure Rauchsäulen gegen den Himmel.“). Bei Che hört sich das eher nüchtern an: „Eine Gruppe erreichte der Rückzugsbefehl nicht rechtzeitig, sie stellte sich dem Feind entgegen und brachte ihm einige Verluste bei.“ (gähn, schnarch, ratz).

Außerdem hat der Verlag Mist gebaut, weil er es weder geschafft hat, ein Personenregister zu erstellen, noch eine Karte des Kampfgebietes (die Dorflandschaft Kongos ist den meisten europäischen Lesern wohl eher weniger ein Begriff) abzudrucken – Hauptsache „Che“ steht auf dem Titel, dann wird das Werk seine Käufer schon finden. Das habt ihr euch aber nur gedacht, liebe KiWi-Leute. Meine Empfehlung: Auf gar keinen Fall kaufen, wenn man nicht scharf darauf ist, zu erfahren wie oft Che das Wort „Yankee-Imperialismus“ verwendet. Ich habe gezählt, und bin bei Nummer 8 hängen geblieben.

Der Verlag KiWi hat übrigens auch literarische Größen wie Helge Schneider unter Vertrag.