Stalking Martin

Selbstmitleid ist ekelhaft. Vor allem dann, wenn man sein Selbstmitleid anderen Leuten aufdrängt. Trotzdem gibt es Selbstmitleidsgeschichten, die so ekelhaft sind, dass sie aufgeschrieben werden müssen. Zum Beispiel die von Martin, der sich kürzlich unaufgefordert an meinen Mensa-Tisch gesetzt hat.

Martin kenne ich aus dem ersten Semester, wobei er mittlerweile wohl im neunten oder zehnten Semester sein dürfte, sich erfolglos an katholischer Theologie versucht hat und jetzt doch die weltlichen Freuden des Lebens auskosten will. Problem dabei: Martin sieht nicht aus wie jemand, mit dem man die weltlichen Freuden genießen möchte.

Martin ist ziemlich groß, hat ein gutmütiges, breites Gesicht Gesicht, dunkelblonde Naturlocken und trägt das, was man so halt als ehemaliger Theologiestudent trägt. Nur das er mittlerweile auf Neuere und Neueste Geschichte umgeschwenkt ist und sich jetzt an Frauen heranpirscht (unverbindliches Kaffeetrinken, unverbindliche gemeinsame Vorlesungsbesuche, etc.).

Also: Wir saßen zusammen in der Mensa und plötzlich zog Martin den Kopf ein. „Da ist sie, da ist sie“, flüsterte er. Es sieht sehr komisch aus, wenn der große Martin den Kopf einzieht und dabei rot anläuft.

„Was ist los?“
„Na sie, die mit den schwarzen Haaren.“
„Ja und? Die sieht doch lieb aus.“

Ist sie aber anscheinend nicht, wenn man Martins Geschichte glauben kann: Unverbindlich, wie man mit der Mentalität eines Theologie-Studenten halt so ist, hatte er sich an die Schwarzhaarige herangemacht. Anscheinend fand die Dame die Anpirschversuche keineswegs so harmlos und gab ihm einen ordentlichen Korb. Was der gutmütige Martin zwar akzeptierte, aber auch nicht ganz. Denn Martin steht auf Schwarzhaarige und wollte sich in einem Seminar neben sie setzen. Der zweite Korb folgte. Schließlich der Eklat: Martin erhielt einen Brief vom Vater der Schwarzhaarigen, mit der Aufforderung, doch bitte seine Stalking-Attacken einzustellen.

An diesem Punkt eine kurze Begriffsdefinition: Stalking kommt vom englischen Verb to stalk, was soviel heißt wie heranpirschen, anschleichen. Leider, leider erfüllt der Begriff im amerikanischen Rechtssystem einen Strafbestand: nämlich den der „Belästigung, Bedrohung und/oder Verfolgung eines Menschen“. Ein unschönes Wort, findet der Martin, der mittlerweile nicht mehr rot, sondern leicht blass um die Nase war. Stalking, stalking, und sowas ihm. Wo er doch nichts Böses wollte, nur ein bisschen Anschluss.

Weiter im Text: Martin war nach dem Brief gekränkt, schlug im Lexikon nach, wurde noch gekränkter und schrieb dem besorgten Vater einen Brief zurück: Er solle doch vorsichtig bei der Verwendung von Anglizismen sein, wenn ihm deren Bedeutung nicht ganz klar sei. Sensibel, wie Martin nun mal ist, rief er dann auch noch mal bei der Schwarzhaarigen an, um mal Klarheit zu schaffen (ihre Nummer stand nicht im Telefonbuch; stattdessen forschte Martin über einen guten Bekannten bei der Stadtverwaltung nach). Das fand die Schwarzhaarige gar nicht toll.

Und dann bekam Martin in den folgenden Wochen unaufgefordert große Pakete nach Haus geschickt: einen Tischventilator, einen Klapptisch für den Balkon, sogar ein Kinderfahrrad war dabei. Dazu die Rechnungen. Irgendwie hat Martin entdeckt, wer die Sachen für ihn bestellt hat. Und seitdem zieht der Martin den Kopf ein, wenn die Schwarzhaarige in seiner Nähe ist.

Martin, alter Stalker, wenn Du das jetzt liest (was ich nicht annehme, weil Du ja nur Augen für Schwarzhaarige hast), lass es Dir gesagt sein: Spar die 19,90 Mark für die nächste Pralinenschachtel und investiere sie lieber in Susanne Schumachers Leitfaden „Liebeswahn – geliebt, verfolgt, gehetzt“.

Damit Du endlich mal weißt, wo vorne ist.