Gerd trifft Jacques Teil 1

„Do isch de‘ Kanzler“, sagt die Frau mit der hässlichen Sonnenbrille. Und sie ist nicht die einzige, die sieht, dass da der Kanzler ist und plötzlich ganz hektisch wird. 10.30 Uhr auf dem Münsterplatz. Seit einer halben Stunde und wahrscheinlich viel länger steht sich hier das Fußvolk, vorwiegend Rentner und das faule Studentengesindel, die Beine in den Bauch. Grund: Einen Blick von Schröder zu erhaschen, eine Hand von Chirac. Lange tut sich nichts. Obwohl: es tut sich genügend: Die Feldjäger stehen hinter den Absperrgittern, die Polizei, die Marine (wo zur Hölle ist hier ein Meer?) und das ganze Pack in Nadelstreifenanzug und Kostümchen, das nichts zu melden hat, aber trotzdem einen tollen deutsch-französischen VIP-Pass bekommen hat. Die Sonne scheint hell über dem Nabel der Welt, der sich Freiburg nennt.

Der Blick wendet sich nach oben, wo minutenlang ein Hubschrauber kreist, und plötzlich tut sich was. Der Ober-Feldjäger (immerhin drei goldene Punkte, also Hauptmann) spricht hektisch ins Walky. Und da kommt sie auch schon angefahren: Die Kolonne aus gedeckten Limousinen und grauen Kleinbussen mit verdunkelten Scheiben und hannoveraner Kennzeichen. Und mittendrin die Präsidentenlimousine: Jacques Chirac und Gerhard Schröder, schemenhaft zu erkennen. Im Schritttempo gehts zum roten Teppich, wo zum Gipfel-Auftakt die Reihen abgeschritten werden sollen. Man sieht nichts, gar nichts in der Menschenmenge. Man hört nur was: Die Marseillaise ertönt, danach die deutsche Nationalhymne und dann ein Lied, was auch jedes Jahr beim Ratinger Schützenfest gespielt wird.

Was nun folgt, wird im Protokoll mit Bad in der Menge vermerkt sein: Kanzler, Präsident und Gefolge schreiten vom Münsterplatz zum Rathaus. Volksnah ist das Stichwort. Und plötzlich sieht man den kleinen Mann mit den für sein Alter auffallend dunklen Haaren Richtung Fußvolk laufen, daneben Jacques Chirac, braungebrannt und ebenfalls erstaunlich klein. Hektik hinter den Gittern: Der Kanzler ist da und jeder will den kleinen Mann aus dem Sauerland aus der Nähe sehen. „Is ja’n doller Empfang“, ruft Gerd in die Menge. Das Fußvolk klatscht und graptscht nach seiner großen Hand. Chirac gibt sich präsidial und sagt keinen Ton. Er ist ja auch in Deutschland. Mit einigem Abstand folgt der Außenminister. Keine Pfiffe, keine Farbbeutel, nur irgend jemand ruft „Joschka“, und Joschka reagiert nicht, gibt keine Hand und kann sich nur zu etwas durchringen, was in seinem faltigen Gesicht wie ein Lächeln aussieht. Wieder zehn Meter weiter, und man sieht Rudolf Scharping. „Herr Scharping, Herr Scharping“, ruft eine Frau mit Pipsstimme und Fotoapparat in der Hand. Scharping wendet langsam den Kopf und sagt Hallo. Im Protokoll wird „Bad in der Menge“ stehen.