Ein Irrer, der sich für Gott hält und es wahrscheinlich auch ist

Über den Pförtner vom Deutschen Seminar habe ich schon lange eine Geschichte geplant. Die war auch schon geschrieben, ist aber doch ein bisschen zu duster ausgefallen und gefiel mir auf einmal nicht mehr – irgendwie nicht veröffentlichungsreif. Im Finale metzelt der Pförtner als irrer, wirrer Massenmörder mit Klumpfuß unschuldige Studentinnen nieder. Plötzlich hält er inne, fängt an zu Kotzen, kann nicht mehr aufhören, macht alles voll (auch sein letztes Opfer), krümmt sich vor Schmerzen mit einem irren Grinsen im Gesicht und fährt schließlich, unter dem Beifall der Anwesenden, in einem riesigen Feuerball und mit einem goldenen Wagen zum Himmel. Das ist dann wahrscheinlich doch etwas übertrieben, beschreibt den Herrn aber schon ganz gut.

Also eine Kurzbeschreibung: Der Pförtner macht nie den Mund auf, heißt Marx (was ihn schon verdächtig macht), grüßt nie zurück, und wenn er doch mal was sagt, dann wirres Zeug. Er hört dann auch gar nicht mehr auf und man fragt sich als Zuhörer hilflos, wie man aus dem Gespräch elegant rauskommt und wer denn jetzt hier wirklich irre ist.

Das äußerliche Erscheinungsbild: wie gesagt Hinkebein, trotz orthopädischer Schuhe schlurft der Mann, was wohl mit einem irreparablen Hüftschaden zusammen hängen muss. Dazu trägt er meistens 70er-Jahre Polyester-Hemden, aber nicht die freakigen, sondern die, die schon damals out waren und von den Opas getragen wurden. Nur die Hosenträger lässt er weg. Unvermeidlich sind außerdem die dunkelbraunen Hosen mit Schlag. Der Mann trägt grundsätzlich eine halbe Brille und hockt in seinem Kabuff vor einem weißen Laptop, was die Gerüchteküche schon lange zum Brodeln bringt: Man sagt sich, der Pförtner arbeite an einem Horrorroman.

Ein Gedächtnisprotokoll

Ich stelle meine volle Tasche auf einem Tisch ab und rauche mir noch ein Zigarettchen.

DER PFÖRTNER (ebenfalls rauchend): Na, da schleppen Sie wohl Ihr gesamtes Wissen mit sich rum.
ICH: Nö, der Rest liegt zu Hause auf meinem Schreibtisch.
ER: Ist schon eine komische Vorstellung, dass man sein gesamtes Wissen in eine Tasche packen kann. Ich hab ja irgendwann beschlossen, dass ich alles weiß.
ICH (Böses ahnend): Soso. Wann war denn das?
ER: Ach, lange her. Da war ich in Indien, so 81/82. Das war alles so anders, dass mir gar nichts anderes übrig blieb. Ich hab da unten so viel gelesen. Und ich war so verwirrt, weil das ganze Wissen auf mich einstürzte. Ich hab mir dann einfach gesagt, ich glaube jetzt alles. Ich hab an alles geglaubt, was ich gelesen habe. Und dann war irgendwann der Punkt erreicht, wo ich nur noch wie besoffen durch die Straßen getorkelt bin.
ICH: Und dann haben Sie auf einmal alles gewusst.
ER: Da kam es dann irgendwann über mich. Es war wie eine Vision, wie eine Erleuchtung. Plötzlich wusste ich, dass ich alles weiß. Dass das alles wie ein dicker Stein in meinem Innern liegt und dass ich das nur noch schöpfen muss.
ICH: Wie weit sind Sie denn mit dem Schöpfen?
ER: Da ist schon noch was unten, aber weil ich ja alles weiß, kann ich mir mit dem Schöpfen ja Zeit lassen. Das eilt ja nicht.
ICH: Was hat Sie denn überhaupt nach Indien verschlagen?
ER: Ich wollte mal eine Abwechslung haben. Hier fiel mir die Decke auf den Kopf. War gerade in der Ausbildung, das kotzte mich alles an, weil es immer derselbe Dreck war. Jeden Tag derselbe Quatsch mit denselben beschränkten Leuten. Und dann hab ich mich ganz schnell entschlossen, bin zum Flughafen und nach Indien. Kein Mensch wusste was davon. Nach Indien muss man alleine gehen, weil sonst hat das keinen Sinn. Das war beeindruckend da unten: Ringherum um mich nur Pampas und ein paar klapprige Hütten der Einwohner und dann das massive Bhagwan-Haus, ganz sauber und sehr gepflegt. Ich hab mal eine indische Gruppe gesehen, die mit dem Bus ankam, die es dann wirklich mit der Angst zu tun bekam, weil die so massive Steinhäuser nicht kannten. Die standen dann mit offenen Mündern vor dem schmiedeeisernen Eingangstor und trauten sich nicht reinzugehen. Weil das so beängstigend für die war.
ICH: Für Sie ja wohl weniger.
ER: Nein, für mich nicht. Aber die haben mich ja gar nicht reingelassen, weil die wohl meinten, dass ich zu extrem bin. Ich hatte vorher schon mal einen Brief geschrieben und gesagt, dass ich alles wissen will, alles Wissen der Welt, und dass es mir scheißegal ist, wie lamge das dauert. Und das war denen wohl nicht geheuer.
ICH:Und was haben Sie dann gemacht?
ER: Ich bin rumgewandert, von Ort zu Ort, habe versucht, mit den Leuten klarzukommen und mit mir. Ich bin fast verrückt geworden, weil ich mit der Sprache nicht zureckt kam. Ich hatte kein Englisch auf der Schule, und Indisch schon gleich gar nicht. Und ich kann Ihnen sagen: Ein stures Volk ist das, den ganzen Tag bekifft, nicht ansprechbar. Und ich genau so. Und dann kam das Wissen über mich. Da hab ich dann auch mein Ich verloren. Ich habe plötzlich gewusst, dass Gott ein Atheist sein muss. Gott ist kein Christ, Gott ist kein Guter, sondern ein strafender Gott, böse, ein böser Gott, der sich absolut unchristlich verhält. Plötzlich wusste ich, dass ich selbst Gott bin, denn nur Gott kann alles wissen. Und ich wusste es auf einmal. Da hab ich mein Ich verloren.
ICH: Irgendwie müssen Sie ja dann doch mal wieder nach Deutschland gekommen sein.
ER: Ich habs geschafft, aber nur mit Mühe und Not. Es war verdammt knapp. Ich wusste plötzlich: Wenn ich eine Woche länger bleibe, ist es aus mit mir. Ich habe einen Kanadier getroffen, der seit zwanzig Jahren in Indien lebt. Was heißt lebt, dahinsiecht. Mit dem ist nichts mehr anzufangen, völlig durchgeknallt, zu bis oben hin, die Birne völlig weichgekifft und gesoffen, totale Gehirnwäsche. Der ist fertig, verdammt noch mal fertig.