Soll ich Dir mal was sagen

Soll ich Dir mal was sagen, Larissa? Soll ich Dir mal was erzählen, was ich bisher noch keinem erzählt habe? Glaubst Du nicht, dass es mich trifft, dass Vanessa seit Wochen nicht mehr angerufen hat? Auch wenn sie es beim letzten Treffen versprochen hat. Wir telefonieren, hat sie so am Türrahmen in ihrer WG gesagt. Beim Abschied. Vielleicht ist versprochen das falsche Wort, aber sie hat es gesagt. Und ich habe gewartet auf den Anruf. Aber nicht so, wie Du auf Thomas wartest.

Denn irgendwann hat sich der Trotz gemeldet. Und der Trotz hat gesagt: Warum muss ich eigentlich immer der Arsch sein, der sich meldet? Ich habe mich immer gemeldet, ich hatte immer die Tübinger Nummer auf der Telefonrechnung. Und es hat mir nichts ausgemacht. Doch, stimmt nicht. Es hat mir was ausgemacht. Aber ich habe mir irgendwann gesagt: Wenn sie sich nicht meldet, wird sie schon ihre Gründe haben.

Rückblende: Das letzte Treffen mit ihr. Ich habe mich angestrengt. Ich wollte Klarheit, ich wollte sie zur Rede stellen. Aber was wollte ich eigentlich hören? Dass sie mich doch liebt, weil sie das jetzt erst gemerkt hat. Habe ich das wirklich erwartet? Konnte ich das erwarten? Denn irgendwie habe ich es schon vorher geahnt: ich wollte die letzte Gewissheit haben. Und die habe ich bekommen, klar und kalt: Sie hat einfach nichts gesagt. Nur leicht den Kopf geschüttelt, als ich mal das Thema, das Thema angesprochen habe.

Ganz leicht mit dem Kopf geschüttelt, etwas nachsichtig, so wie mit Kindern, wenn man sie ermahnen möchte: Erzähl doch keinen Quatsch, Kleiner. Dafür bist du noch viel zu klein, Kleiner. Und dann habe ich nichts mehr gesagt, und habe nur noch gewartet, und gewartet, dass sie noch was sagt.

Aber es war Stille im Raum, so eine Stille, die peinlich ist. Ich liebe absolute Stille. Und ich sehne mich jeden Tag nach einem Moment, wo ich absolut nichts mehr hören brauche. Aber die Stille war peinlich. Kennst Du so Momente, wo man soviel zu sagen hat, aber dann merkt, dass nichts, aber auch gar nichts passend ist in diesem Moment? Spätestens dann ist es aus, Larissa, aber nicht vorher.

Veröffentlicht unter michi

Von einem der auszog das Lieben zu lernen.

„Nennst Du mich Narr, Junge?“
„Alle Deine anderen Titel hast Du weggeschenkt, mit diesem bist Du geboren“

(William Shakespeare, König Lear)

Narr

Ist ihnen schon einmal aufgefallen, das man immer der letzte ist, der merkt das man verliebt ist und ist ihnen des weiteren schon einmal aufgefallen, daß man immer der Letzte ist, der merkt das diese Liebe erwidert wird?
Während man sich selbst noch durch seine Hoffnungen und Zweifel kämpft, kann ein Außenstehender in einer Nanosekunde erkennen, daß man praktisch schon mitten in einer Beziehung steckt.
Das ist nur deshalb so ungerecht weil man einem Außenstehenden nie wirklich glauben wird und man viel zu feige ist, das Objekt der Begierde einfach geradeheraus zu fragen.

Du dienst

Also bleibt einem meist nur der komplizierte Weg einer würdigen Werbung,
wie diese jedoch auszusehen hat, weiß niemand so recht und gibt jemand Hinweise, sollte man den Teufel tun diese auch nur ansatzweise zu befolgen, noch besser ist es, das genaue Gegenteil zu tun, aber da ich ihnen das jetzt geraten habe, kann das wohl auch kaum richtig sein.
Es schwirrt einem jedoch immer die Frage im Kopf herum, ob das jetzt wohl der Augenblick wäre einen Kuß einzufordern.
Um sich eine halbe Stunde später selber dafür zu schlagen, dass man Vollidiot die Chance seines Lebens verpaßt hat.
Was bleibt ist eine Nacht mehr mit der Vorstellung was wohl passiert wäre, hätte man sich nur diesen Schritt weiter gewagt oder da und dort etwas anderes gesagt.
Grundsätzlich gilt in dieser Phase: Das, was du beabsichtigt hast auszudrücken und das, was du gesagt hast, kann nur von einem Medium in Verbindung gebracht werden.
Unglücklicherweise geht es dem Gegenpart meist genauso, was zu einer Spirale von Missinterpretationen führt und das ganze noch komplizierter macht als es ohnehin schon ist.
Außer für die Außenstehenden, die langsam beginnen an deinem Verstand zu zweifeln, aber das hatten wir ja schon.

Du wirst beherrscht

Alles wird nur noch schlimmer, hat man das mit dem ersten Kuß erstmal hinbekommen.
Ist man jetzt zusammen, oder sieht es der andere nur als irgendetwas anderes an?
Spätestens hier beginnst du dann deine Freunde so richtig zu nerven, für die das alles eigentlich schon im ersten Absatz abgefrühstückt war.
Aber niemand bis auf eine Person kann einem dieses Brett vorm Kopf entfernen.
Ab nun gibt es keinen Augenblick mehr ohne die Erinnerung an diesen kurzen Augenblick der Sicherheit, der in diesem Kuß lag.
Was meiner Einsicht nach der einziege Grund ist, daß sich schließlich ein Part aufrafft die Sache klarzustellen und so das ganze fertig zu backen.

Du verlierst deinen Kopf

Und dann gehst du nach Nantes, FÜNF Monate, ab hier ist es dann nicht nur den Außenstehenden vorbehalten, dich für den ungeschicktesten aller Liebenden zu halten.
Und jetzt für alle, die irgendwo in Phase zwei stecken: Wiederholen sie laut und wohlbetont folgenden Satz und handeln sie dementsprechend (auch für Fortgeschrittene geeignet )!
„Ja ich will diese Frau lieben, ihr meine Liebe schenken, so wie ich ihre empfange.“

„Ein Fluch der Zeit, daß Tolle Blinde führen!
Tu was ich bat, oder auch, was du willst“

(William Shakespeare, König Lear)

Veröffentlicht unter erik

Cidre in der Nacht

Ach je, weh weh, wie gern` hätt` ich jetzt ein Gläschen Cidre, eines nur, ach nur eins,
ich armer Kerl.

Nur ein einziges Gläschen, nur um des Prickelns willen, welches es auf meiner Zunge
erzeugt, nur um den schalen Geschmack des Wassers zu vertreiben das ich zu trinken
gezwungen bin.

Ich will ja gar nicht viel, ein Gläschen nur, wer könnte mir das schon verübeln und
vielleicht ein Fläschchen dazu, nur zum Nachschütten, damit das eine Glas nicht so
einsam bleibt.

Was verlange ich schon? Eine einsame Flasche, das ist alles, nur damit ich ein Gesellen
am Abend habe, wenn mich das Licht des Tages verläßt.

Eine traurige Flasche, nicht der Rede wert, nur um meinen Durst zu stillen und den
Geschmack von Äpfeln und Herbst ein paar Minuten zu vernehmen, daß ist doch alles.
Ist solches denn vielleicht schon zuviel verlangt?

Vielleicht wäre zudem noch eine zweite Flasche angebracht, damit nicht nach dem
ersten essentiellen Durstlöschen nichts mehr zum Genießen übrig ist.

Ach zwei Fläschchen nur und alles wäre viel netter, so wenig macht mich doch schon
so fröhlich.

Oi, oi, oi klagen die Griechen mit mir, mit zwei Fläschchen kann man die Perser gut
bemitleiden, aber wie wäre es mit dreien, damit sich der Weg zum Altglascontainer lohnt?
Recht haben meine umweltbewußten Griechen, wer könnte es abstreiten?

Drei Fläschchen, was ist das schon für einen strammen Burschen wie mich und schließlich
soll es in meiner Bude nicht aussehen wie bei einem Säufer!

Ja, grobe Worte mich zu tadeln sind da fehl am Platze, drei Fläschchen, mehr würde
man einem Hund gönnen!

Ach ich bitte doch nur um vier Fläschchen Cidre, denn das Zählen fällt mir schwer ohne
Apfelwein, wie soll ich wohl sonst die Übel der Menschheit aufzählen?

Nur wer leugnet, daß es diese gibt, würde mir diese vier Fläschchen verwehren, fürwahr!
Ja, für das Wohl des Volkes tränke ich diese Flaschen, man kann nicht oft genug auf
die Gesundheit aller Gruppen oder Minderheiten anstoßen und die Schrecken dieser Welt
verdammen!

Apropos verdammt, verdammt ich weiß nicht mehr ob ich das Licht in der Küche
ausgemacht habe, guckt doch mal nach und wenn da zufällig noch ne Flasche im
Kühlschrank liegt, laßt sie nicht frieren, ich nähme sie gern an mein großes warmes Herz.

Aber es mag mühsam sein, fünf Flaschen zu entkorken, das leuchtet ein, ja es würde
vielleicht die ganze Gemütlichkeit zerstören und somit auch den Grund überhaupt nur ein
einziges Gläschen zu trinken.

Ach! Ich scheue mich nicht, auch hier in die Bresche zu springen, ein Fässchen bringt
die notwendige Lockerheit und wer würde es abstreiten, Lockerheit braucht man um
Artikel zu schreiben.

Um was bitte ich also schon, doch nur um eine kleine Aufmerksamkeit, damit ich einen
Artikel schreiben kann, um nicht mehr und nicht weniger! Denn Artikel schreiben sollte
man solange man lebt, deshalb sollte auch ein solches Faß nicht zu klein sein.

Abschließend möchte ich sagen, dass Rotwein auch seinen Zweck erfüllen würde.

„Konzept“ steht auf dem Collegeblock

Langsam müsste ich doch mal über den Status dieses Schulaufsatzgeschwurbels hinwegkommen, denke ich mir immer wieder. Das ist schnell gesagt, schwer zu schaffen. Wie oft habe ich schon auf eine leere Seite in meinem Collegeblock das Wort „Konzept“ geschrieben, dann lange drüber nachgedacht, und die Seite ist leergeblieben.

„Lesen ist Quatsch“, sagt mein Mitbewohner Daniel mit Überzeugung in den Augen. Kein Wunder, denke ich mir, mit Blick auf seine Videosammlung – alles Komödien, amerikanisch, Hollywood halt mit Happy-End und einer Figur zum Sich-identifizieren. Mit deutschen Filmen kann er nichts anfangen, sagt er. Das ist ja immer das Gleiche, sagt er: Da wird dann zuviel geredet, und die Frauen sehen meisten auch noch scheiße aus.

Dafür hängt dann JeLo an unserer Klotür, von außen. Das war ein Poster mit zwei Teilen, die wir dann mit Tesa zusammengeklebt haben. Nun sieht JeLo ein bisschen aus, als wenn sie Zellulite hat, Auf jeden Fall sieht man, wie klein sie ist. Das hat Madonna immer gut zu vertuschen gewusst. Aber JeLo steht ja auch zu ihrem dicken Hintern, hab ich gelesen. Und dann Daniel erzählt, weil der ja nichts liest. Der sagt, das muss so sein, und es sieht gut aus.

„Konzept“ steht da auf der leeren Karoseite. Aber ich habe kein Konzept, weil man Konzepte erst haben kann, wenn man weise ist und ganz viel gelesen hat. Denke ich mir. Auch die ganzen Klassiker, damit man die dann ins Konzept einbasteln kann. Und wenn das Buch dann fertig gedruckt ist, müssen die Kritiker die Klassiker wieder rausbasteln. Um dann so Sätze zu schreiben, wie: „In der Hauptfigur vereinen sich Charakterzüge des jungen Werthers und Raskolnikows.“ Will ich so was lesen? Thomas Mann ist übrigens auch ohne Stilmittel-Kunde lustig.

Mitbewohner Hendrik liest lieber Terry Pratchett, weil der so coole Charaktere erschaffen hat und man immer lachen muss. Deshalb liegt auch seit Wochen das Scheibenwelt-Handlexikon mit einer Übersicht über alle Charaktere auf dem Klo, auf der Ablage über dem Klorollenhalter. Henrik kommt nämlich nur auf dem Klo dazu, das Handbuch zu lesen, oder nachts. Aber dann muss er ja wieder aufstehen, über den kalten Flur, in die kalte Küche und dann ins kalte Bad, um sich das Buch zu holen. Aber wenigstens liest er. Weil Lesen ja viel besser ist als Fernsehgucken. Und man sich nach einem guten Buch nicht so ausgebrannt fühlt. Aber wir haben ja sowieso nur fünf Sender.

„Konzept“ steht auf dem Collegeblock.

Veröffentlicht unter michi

Zahn um Zahnalttestamentarische Gerechtigkeit in einem ‚modernen‘ Staat

Ja, es ist moralisch unmöglich von mir, mich jetzt hinzusetzen und etwas
Zu diesem Thema zu schreiben, da ich doch weiß, das ’so etwas‘ in den vereinigten Staaten an der Tagesordnung ist – ja, es scheint schon einen riesigen Medienaufstand zu erfordern, damit ich mein NEIN in die Welt brülle:

Heute haben gewählte Volksvertreter dieses amerikanischen Staates, der sich selbst als Rechtsstaat und Demokratie bezeichnet, einen jungen Menschen
hingerichtet/ermordet/getötet und der oberste Verantwortliche trat
vor die Weltöffentlichkeit und behauptete, es gehe nicht um Rache, sondern um
Gerechtigkeit.

Nun gut, das ist also eine Definition von Gerechtigkeit. Da
scheint mir ein christlich geprägter und vielleicht deshalb so prüder Staat
im Buch der Bücher gelesen zu haben und hoppla, schon beim alten Testament wurden die Augen müder und müder, man hat gerade noch das „Auge um Auge“
mitbekommen, ist dann aber gähnend eingenickt. So geht man also
unbefangen von einem strafenden Gott aus und dessen Gerechtigkeit macht sich der
Mensch selber, und zwar so vergeltend, wie es geht.

Das hat ja nichts mit Rache zu tun. Nein Rache ist nämlich, Rache ist, ja, was ist Rache eigentlich, wenn die Vergeltung ‚Gerechtigkeit‘ heißt?

Und wir nehmen mit ehrfürchtig gebeugtem Kopf zur Kenntnis, daß heute wieder
einen jungen Mann sein „Schicksal ereilt“ hat – meint zumindest ein
vor-sich-hin-philosophierender alter Texaner. Das ist also Schicksal.
Interessant. Ein Resultat auf eigene Taten ist also das eigene Schicksal.
Ermorde ich Menschen, ist mein gerechtes Schicksal, selber ermordet zu
werden (in der Rolle des Schicksals – mit angeklebtem Bart – der Staat). Was
ist nun, wenn ich etwas klaue, dann ist mein gerechtes Schicksal, daß mir
etwas geklaut wird. Wenn ich hier meinen Unmut kundtue, dann darf irgendjemand
aufschreiben, was ihm an mir nicht gefällt. Jage ich eine Fliege aus meiner
Wohnung, so werde ich aus Heim und Hof in die weite Ferne vertrieben.
Dies wäre dann zumindest mein gerechtes Schicksal.

Natürlich weiß ich, dass ich hier übertreibe, aber wo soll man denn bei dieser Art Gerechtigkeit die Grenzen ziehen? Ich bin da überfragt.

Und wenn der große Oberbefehlshaber im Westen die Beschlüsse aus Kyoto mit einem
Schulterzucken abtut, dann sei es das gerechte Schicksal, wenn sein Land von
einer Überschwemmungskatastrophe nach der anderen heimgesucht wird.

Vielleicht gibt es ja doch einen strafenden Gott oder vielleicht ist die
Vergeltung ja ein Naturprinzip. Und wenn dem so ist, dann mordet beruhigt
weiter, denn der Mensch ist dem Menschen bekanntlich ein Wolf und im Laufe
der Welt wird sich nichts ‚rächen‘, sondern eure sogenannte ‚Gerechtigkeit‘
wird obsiegen. Dann müsst ihr nur noch zusehen, wie ihr mit eurem eigenen
‚Schicksal‘ zurechtkommt.

Veröffentlicht unter kai

Gerd trifft Jacques Teil 2

Rückblende: 6.50 Uhr. Mir immer meiner journalistischen Pflicht bewusst, habe ich mich schon um diese Uhrzeit aus dem Bett geschwungen und bin in die Stadt geradelt. Es ist kalt an diesem Morgen am Nabel der Welt, der sich Freiburg nennt, aber wolkenlos. In Richtung Innenstadt ist alles geflaggt, und auch die lustigen Schwulen haben spaßeshalber ihre Regenbogenfahne aus dem Fenster gehängt.

In der Nebenstraße vor der Alten Uni steht gravitätisch einer der Freiburger Hilfspolizisten. Das sind die, die die alten Oliv-Uniformen der Polizei auftragen und normalerweise ihr Geld mit Knöllchen auf der Straße verdienen. „Anhalden bidde“, sagt der Hilfspolizist mit strengem Blick, während aus der Nebenstraße 5-6-7 Polizeikleinbusse gerollt kommen. „Weiderfahn bidde“, sagt der Hilfspolizist und macht eine Geste als stände er als Verkehrsbulle an einer Kreuzung, wo gerade die Ampeln ausgefallen sind. Einen Rang, den der Hilfspolizist nie erreichen wird.

7.15 Uhr: Investigativ, wie ich nun mal bin, interviewe ich spontan Frau Franke, die in der Volkshochschule ab 5 Uhr morgens putzt. Dazu muss man wissen, dass die VHS direkt neben dem Colombi-Hotel liegt. Das Hotel also, wo die Großen dieser Welt genächtigt haben. „Was halten Sie denn von dem Rummel?“, frage ich Frau Franke. „Wer kommt da? Der Schröder? Ah, und was bringts uns? Nix bringts uns.“

7.45 Uhr: Der unvermeidliche Gang am Colombi vorbei. Allüberall stehen Citroens und Peugeots mit gelben Nummernschildern rum. Es muss nicht immer Audi sein. Die Polizei hat ganze Arbeit geleistet und die Nebenstraßen rund ums Hotel abgeriegelt. Die Kehrmaschine darf noch durch – der Nabel der Welt soll schließlich glänzen. Überall Absperrgitter, sogar über die Bächle. Dahinter grüne Männchen, die aussehen als hätten sie nichts zu tun. Jetzt frühstückt der Gerd wohl mit Jacques, und Joschka und Rudolf dürfen auch dabei sein. Und ich kann mich nur mit Mühe und Not zum Bäcker durchschlagen. Der kleine Unterschied halt.

„Bienvenue en Freiburg“ prangt über der Rathaus-Fassade. Und auf dem hässlichen Baugerüst an der Rathausgasse haben sich Ordnungshüter verschanzt. Mehr als Taubendreck scheinen sie nicht gefunden zu haben. Wo sind eigentlich die Fixer, die normalerweise neben dem Treff-Discount an der Eisenbahnstraße dahinsiechen? Tatütata liegt in der Luft. Und es wird heiß und heißer.

Veröffentlicht unter michi

Gerd trifft Jacques Teil 1

„Do isch de‘ Kanzler“, sagt die Frau mit der hässlichen Sonnenbrille. Und sie ist nicht die einzige, die sieht, dass da der Kanzler ist und plötzlich ganz hektisch wird. 10.30 Uhr auf dem Münsterplatz. Seit einer halben Stunde und wahrscheinlich viel länger steht sich hier das Fußvolk, vorwiegend Rentner und das faule Studentengesindel, die Beine in den Bauch. Grund: Einen Blick von Schröder zu erhaschen, eine Hand von Chirac. Lange tut sich nichts. Obwohl: es tut sich genügend: Die Feldjäger stehen hinter den Absperrgittern, die Polizei, die Marine (wo zur Hölle ist hier ein Meer?) und das ganze Pack in Nadelstreifenanzug und Kostümchen, das nichts zu melden hat, aber trotzdem einen tollen deutsch-französischen VIP-Pass bekommen hat. Die Sonne scheint hell über dem Nabel der Welt, der sich Freiburg nennt.

Der Blick wendet sich nach oben, wo minutenlang ein Hubschrauber kreist, und plötzlich tut sich was. Der Ober-Feldjäger (immerhin drei goldene Punkte, also Hauptmann) spricht hektisch ins Walky. Und da kommt sie auch schon angefahren: Die Kolonne aus gedeckten Limousinen und grauen Kleinbussen mit verdunkelten Scheiben und hannoveraner Kennzeichen. Und mittendrin die Präsidentenlimousine: Jacques Chirac und Gerhard Schröder, schemenhaft zu erkennen. Im Schritttempo gehts zum roten Teppich, wo zum Gipfel-Auftakt die Reihen abgeschritten werden sollen. Man sieht nichts, gar nichts in der Menschenmenge. Man hört nur was: Die Marseillaise ertönt, danach die deutsche Nationalhymne und dann ein Lied, was auch jedes Jahr beim Ratinger Schützenfest gespielt wird.

Was nun folgt, wird im Protokoll mit Bad in der Menge vermerkt sein: Kanzler, Präsident und Gefolge schreiten vom Münsterplatz zum Rathaus. Volksnah ist das Stichwort. Und plötzlich sieht man den kleinen Mann mit den für sein Alter auffallend dunklen Haaren Richtung Fußvolk laufen, daneben Jacques Chirac, braungebrannt und ebenfalls erstaunlich klein. Hektik hinter den Gittern: Der Kanzler ist da und jeder will den kleinen Mann aus dem Sauerland aus der Nähe sehen. „Is ja’n doller Empfang“, ruft Gerd in die Menge. Das Fußvolk klatscht und graptscht nach seiner großen Hand. Chirac gibt sich präsidial und sagt keinen Ton. Er ist ja auch in Deutschland. Mit einigem Abstand folgt der Außenminister. Keine Pfiffe, keine Farbbeutel, nur irgend jemand ruft „Joschka“, und Joschka reagiert nicht, gibt keine Hand und kann sich nur zu etwas durchringen, was in seinem faltigen Gesicht wie ein Lächeln aussieht. Wieder zehn Meter weiter, und man sieht Rudolf Scharping. „Herr Scharping, Herr Scharping“, ruft eine Frau mit Pipsstimme und Fotoapparat in der Hand. Scharping wendet langsam den Kopf und sagt Hallo. Im Protokoll wird „Bad in der Menge“ stehen.

Veröffentlicht unter michi

Warum mir eigentlich alles egal ist 15

Der Wäscheständer des benachbarten spanischen Weinrestaurants ist schon wieder umgekippt. Dabei hat es diese Nacht gar nicht gestürmt. Das muss dann wohl doch an den ungeschickten Restaurant-Mitarbeitern gelegen haben, die den Ständer gnadenlos überladen haben. Auf dem gnadenlos zugeparkten Hinter-Hinterhof balgen sich zwei Kinder mit Fußball darum, wo man denn die Linie für das Tor ziehen könnte. Jeder zweite Schuss endet schließlich auf irgendeinem Autodach, und ich überlege mir, was ich den Kindern erzählen würde, wenn mein Auto auf dem Hinter-Hinterhof geparkt wäre. Der Hausmeister in der Volkshochschule würde dazu badisch „Galama“ sagen, was im neuhochdeutschen soviel wie „Stress machen“ und „Ärger“ bedeutet. Die Kinder stören sich nicht daran, denn schließlich sind die Bewohner meines Stadtteils äußerst alternativ, antiautoriär und somit völlig unfähig, Kinder richtig zu erziehen. Lieber ziehen sie sich selbst und ihren Kindern selbstgestrickte, kunterbunte Wollpullis und Mützen an. Damit machen sich die Kinder zwar zum Gespött in der Grundschule, aber das macht den Eltern ja nichts.

Es ist wieder Zeit, auf mein eigentliches Hauptthema in der Serie zu kommen: Die Liebe. Die ist in den letzten Tagen ein bisschen in den Hintergrund gerückt, weil Semesterferien sind und meine Herzensdame im Urlaub ist. Zuletzt habe ich ihr einen Ausschnitt aus Tolstois „Anna Karenina“ geschickt. Und zwar den, wo der ländlich geprägte Lewin mit seiner Angebeteten ein Malspiel veranstaltet. Er malt mit Kreide die Anfangsbuchstaben von Sätzen auf den Tisch, und Kitty, die Angebetete, muss erraten, was die Buchstaben wohl bedeuten. Er fragt sie verschlüsselt, ob es denn bei ihrem „Nein“ zu einer Partnerschaft bleibt, worauf sie aufmalt, was sie sich am meisten wünscht: „D. S. v. u. v. k., w. g. i.!“, was heißen soll „Dass Sie vergessen und verzeihen könnten, was geschehen ist!“ Lewin ist gerührt, seine Hände fangen an zu zittern, und er schreibt pathetisch: „Ich habe nichts zu vergessen und zu verzeihen; ich habe nicht aufgehört, Sie zu lieben.“ Und ab geht es vor den Traualtar. Eine sehr schöne Szene, die man wunderbar auf meine Situation ummünzen kann, wobei ich die letzte Konsequenz ohne weiteres streichen würde. Bisher kam keine Antwort, weil meine Angebetete schließlich im Urlaub ist und sich hoffentlich danach über die Szene den Kopf zerbricht.

Ich war am Samstag in der Stadt, was ich besser nicht gemacht hätte. Denn nichts ist schlimmer, als am Samstag in die Freiburger Innenstadt zu laufen. Lustig wirds dann, wenn der SC ein Heimspiel hat und sich die Fans vor Spielbeginn überlegen, wie man sich kostengünstig in Stimmung bringt. Wohlgemerkt mittags um 12. Am kostengünstigsten geht das beim Penny-Markt gegenüber der Uni. Da kostet die Dose Karlskrone 59 Pfennig. Ich werde nie vergessen, wie mich vor dem Heimspiel Freiburg gegen Borussia Dortmund ein angetrunkener Dortmund-Anhänger im Penny-Markt gefragt hat, wo denn die Toilette ist. Da hätte ich am liebsten zurückgefragt, seit wann Fußball-Fans zum Pinkeln denn eine Toilette benötigen. Es lohnt sich auch immer, in den McDonald’s zu schauen. Da stehen dann die Fans an, für die sich der Besitz einer Payback-Karte richtig lohnt. Oder gibts die da gar nicht? Ich bin übrigens immer noch verliebt.

Veröffentlicht unter egal

Michi geht fremd!

Unser aller Lieblingsredakteur und sympathischer erotisch-Raucher aus Freiburg glänzt nicht nur durch seine ausgefeilten Artikel sondern auch durch seine Umtriebigkeit.
Neben seiner jahrelangen Tätigkeit bei der Rheinischen Post (und selbstverständlich dem technisierten Kinderfresser) veröffentlicht er jetzt auch unter wortgestoeber.de.
Das die Artikel eigentlich zuerst bei uns als intellektuelle Aufwertung unseres postpubertären Inhaltes herhalten sollten, schmälert die Qualität nicht.
Also: Auch wenn nicht kinderfresser draufsteht, es ist doch Michi drin. Unbedingt lesen!

Veröffentlicht unter 2001