Helpensteins Historische Nachrichten III

Lieber Leser, nachdem Du mir jetzt schon durch zwei Kolumnen in diesem
Magazin treu gefolgt bist, möchte ich Dir Alfred Schuler nicht vorenthalten, und
diese Geschichte hat mit Humor nichts zu tun.

Alfred Schuler, geboren 1859, gelangte nicht gerade über Umwege in die neue
Publikation des Wiener Historikers Gerd Gugenheimer: „Hitlers Visionäre. Die
Okkultisten des Dritten Reiches.“ Schuler wird in diesem Buch als besonderer
Spezie vorgestellt. Er nannte sich selber „die Blutleuchte“ und war
selbsternannter Mysterien- und Altertumsforscher. Neben Jörg Lanz von Liebenfeld und
Guido von Liszt gilt Schuler als einer der angesehensten Verrückten, die das
19. Jahrhundert so hervorgebracht hat.

Eine heitere Anekdote ist
beispielsweise Schulers Aufenthalt in Jena in den Jahren 1899-1900. Dort lag nämlich der
große Philosoph Friedrich Nietzsche im Dämmerschlaf seines Wahnsinns. Schuler,
der sich zu dieser Zeit bereits für einen römisch-antiken Aristokraten
hielt, wandte sich an Nietzsches Mutti und bat sie, ihn heilen zu dürfen. Der
bekloppte Alfred hatte geplant, den dahin brabbelnden Denker durch korybantische
Heiltänze und Schamanengesänge zu heilen. Das abstruse Unterfangen konnte nur
nicht durchgeführt werden, weil die verkrachte Existenz Alfred Schulers
nicht die finanziellen Mittel aufbringen konnte, um die zu diesem Zwecke
unbedingt notwendige Kupferrüstung und einen riesigen Sack voller Mistelzweige zu
ordern. Zwei Wahnsinnige in einem Schlafzimmer; und doch kein Erfolgserlebnis.
Drei Monate später war Nietzsche tot, die Welt erschüttert und Alfred Schuler
immer noch ein mieser, kleiner österreichischer Hinterhofesoteriker.

In die
Ewigkeit hat er es nur geschafft, weil ein arbeitsloser Kunstmaler mit
Vierecksschnäuzbart aus dem Männerheim an der Meldemannstraße später seine billigen
Broschüren über die „Theozoologie der Arier“ gelesen hat. Und somit ist
Nietzsche um drei Ecken doch irgendwie Schuld am Unheil des 20. Jahrhunderts –
und Wagner sowieso und Alfred Schuler, ohne dass er davon gewusst hätte, der
Dummbolzen, der elendige.

Im Jahre 1923 starb Schuler, der stets den 1. Mai (das Walpurgisfest) als
seinen Geburtstag und Walhalla und manchmal auch Messina als Location seiner
Herniederkunft angab, hinterließ unzählige uneheliche Kinder, ein paar
Spinner-Bücher und zwei Katzen, welche aber sofort nach seinem Tod geköpft und
einbalsamiert wurden. Die Kadaver sollten Schuler als Grabbeilage dienen, doch die
Münchner Friedhofsbehörden untersagten dieses jämmerliche Schelmenstück, das
das letzte in einer Reihe von Lächerlichkeiten in Schulers Leben werden
sollte. Am Ende siegt bodenständige Beamten-Bürokratie über sakralen Schmuh und
faulen Zauber – genauso lieben wir´s.