Bomben sind wieder in (warum Kriegsdienstverweigerer potentielle Terroristen sind)

Ich befinde mich in einer verdammten Zwickmühle. Zum einen muß ich mich anhand
dessen, was von mir als schriftliche Begründung zur Kriegsdienstverweigerung im Archiv
des Bundesamtes für den Zivildienst verrottet, strikt gegen den Krieg aussprechen, zum
anderen fährt mir der Herr Bundeskanzler ganz gewaltig über den Mund, indem er
behauptet, das ganze deutsche Volk steht hinter allem, was die USA momentan
anrichten. Ich hab noch mal in meinem Perso nachgesehen, da steht bei mir
tatsächlich, daß ich deutscher Staatsbürger bin.
Gut, stelle ich mich also mit uneingeschränkter Solidarität hinter die USA.
Die political correctness zwingt einen eh‘ dazu. Ein mehr oder weniger gesunder
Antiamerikanismus hat sich mit zwei ineinanderbrechenden Hochhäusern spontan
in eine schleimige Arschkriecherei verwandelt. Schon klar, daß sich eine Supermacht
solch einen „Böse-Jungen-Streich“ (die Mittel dieses Torroraktes waren doch wirklich
auf Klingelmännchen-niveau…) nicht gefallen läßt – sich auch nicht gefallen lassen
kann – und nach dem alten Grundsatz „Auge um Auge“ mit Bomben um sich
schmeißt, egal, wen’s trifft. Ehrlich gesagt, nehm ich es denen auch kaum
übel, es war ja auch mehr als vorhersehbar. Ein anderer Punkt ist natürlich, daß die
Taliban erst durch den großen Bruder an die Macht subventioniert wurden –
aber lassen wir das altkluge Daherreden von gefährlichem Halbwissen…
Was um alles in der Welt hat aber das deutsche Militär mit der ganzen Geschichte
zu tun? Klar gibt es so etwas wie ein Verteidigungsbündnis, aber eigentlich
erinner‘ ich mich auch daran, daß die Bundeswehr ursprünglich nicht
als „out of area“-Verein geplant war. Ist in den letzten Jahren das Fernweh aufgekeimt
oder hat man immer noch ein schlechtes Gewissen, daß man sich aus
der Kuwai-Krise rausgekauft hat? Diese momentane Kriegsgeilheit erinnert mich an
den kleinen dicken Jungen auf dem Schulhof, der sich krampfhaft bei den coolen
Jungs einschmeichelt. Hat dieser kleine Junge vielleicht das Kinderbuch
„Ich bin der kleine Fuchs – in Afghanistan“ zu lesen bekommen oder ist man einfach
schon so scharf auf die Truppenbetreuung? Und wie soll das eigentlich für die
deutschen Truppen ablaufen, so ohne Spicegirls? Jeanette und Claudia Jung?
Dann sollte man aber vorher daran denken, die scharfe Munition einzusammeln.
Diese ganze Show paßt auch gar nicht so recht zu Deutschland. Hier gibt es noch
Trauergottesdienste und betroffene Gesichter. Hier werden keine Helden mit
Rockkonzerten gefeiert, unsere Schulkinder geben ihre Dollars lieber für Pokemonkarten
oder Drogen aus und wir werfen auch kein Rübenkraut und Zentis-Marmelade im
Feindesland ab. Schon gar nicht mit kleinen Deutschland-Flaggen. Da wir also weder
für Nationalstolz (der Zeigefinger der Geschichte / der gesunde Menschenverstand)
noch für einen Spaßkrieg geschaffen sind, sollte man sich doch vielleicht etwas
zurückhalten mit der rückhaltlosen Aufklärung, äh, mit den blühenden Landschaften,
äh, der unbedachten, äh, unaufhaltsamen Solidarität (oder so).
Aber da man nun mal im Boot der westlichen Vorherrschaftsstaaten sitzt, muß man
demnächst halt damit rechnen, trotz größtmöglicher Überwachung, äh, Sicherheit,
daß irgendjemand das Atomkraftwerk von nebenan in die Luft jagt.
Was soll man auch dagegen machen? Schöne Grüße an dieser Stelle an Herrn Schill,
ne Schily und Herrn Kanter, ein zu seiner Zeit offenbar verkannter Prophet. Aber keine
Angst, wenn demnächst die Gewaltspirale in sämtlichen Schurkenstaaten in die Höhe
getrieben wird, vielleicht entspannt sich die Situation wieder, wenn diese Länder mit
dem Export von Erdnußbutter aus kleinen gelben Paketen ihre Wirtschaft in Gang
kurbeln. Für das deutsche Volk gibt in Bezug auf diesen Befriedungsprozeß mal wieder
weder der Bundeskanzler noch -präsident sondern der Außenminister die richtige
Position vor:
Schnauze halten und verkniffen gucken.