Michis Adventskalender 1

01/12/01, 19 Uhr, Innenhof der VHS. Auf dem nassen, glitschigen Kopfsteinpflaster ist mit rund 100 Grabkerzen die Aids-Schleife nachgebildet, an den Fenstern stehen ebenfalls Kerzen und verströmen so etwas wie Adventsstimmung. Die Atmosphäre ist tatsächlich feierlich, auch wenn die Freiburger Aids-Hilfe keine Weihnachtsfeier, sondern eine Gedenkveranstaltung zum Welt-Aids-Tag abhält.

Der Innenhof füllt sich nach und nach mit Menschen. Alle rücken sie nahe an die symbolische Aids-Schleife, Kinder springen zwischen den roten Plastiktöpfchen hin und her. Dann wird es still. Der Dirigent des Homo-Chors „Queerflöten“ ergreift mit sanftem Tenor-Stimmchen das Wort. Was er sagt, klingt mehr als unpassend: Was heute auf der Welt vorgeht, stimme ihn nachdenklich. Vor zehn Jahren sei Aids als Schwulen- und Fixerkrankheit in die Schmuddelecke gestellt worden. Heute seien es „junge, muslimisch aussehende Männer“, die kollektiv verdächtigt würden, Anschläge auf Hochhäuser zu planen.

Zu solch weitsichtigen Einschätzungen der Weltlage kann man wohl nur in Freiburg kommen, denke ich mir und schaue zu Daniela, einer ergrauten Dame, die früher mal Daniel hieß. Daniela raucht heute Abend Kette, wirkt schon den ganzen Abend über ganz weit weg und klatscht begeistert, als der Homo-Chorchef geendet hat. Der Chor setzt ein. Es klingt ziemlich Scheiße, weil Deutsche mit badischem Dialekt keine Gospels singen sollten.

Dann ist Zeit für die Gedenkminute. Alle sollen sich an den Händen fassen, und ich weiß schon wieder ganz genau, was ein Großteil der Anwesenden für eine Partei wählt. Ich stehe zwischen einem Schwulenpärchen. Der kleinere von den Beiden, mit Arafat, Nickelbrille und kleiner schwarzen Mütze ausgestattet, reicht mir seine feuchte, kleine Mädchenhand. Der Größere, mit dunklem Imkerbart, ansonsten kahlrasiert und nietenbesetzter Lederkutte, greift mit seinen klobigen Fingern kräftig zu. Alle Anwesenden sollen für einen Moment „die Augen oder ihre Herzen schließen“, sagt der Chorleiter und zeigt damit, dass es bei ihm nicht nur mit den Vergleichen hapert.

Der Chorleiter hört auch während der Gedenkminute nicht auf zu labern, erzählt irgendwas von „Zusammenrücken“ und „Wärme spüren“ und schließt mit den Worten: „So, und nun nehmen wir alle unseren Nebenmann oder Nebenfrau in den Arm und lassen uns gegenseitig spüren, dass wir nicht alleine sind.“ Ich möchte hier ganz dringend weg, und der kleine Schwule wohl lieber seinen starken Partner in den Arm nehmen. Nein, ausweichen ist nicht möglich. Ich drücke meinen Oberkörper kurz in Richtung Arafat-Schal, tätschel dem Kleinen kurz auf den Rücken seiner ausgewaschenen Jeansjacke. Dann der Blick nach rechts. Der Große wirkt in seiner Lederkluft auf einmal kleiner. Jetzt erst sehe ich, das er Tränen in den Augen hat.