Eriks und Michis Adventskalender 6

06/12/01, 7.30 Uhr, Freiburg, Hausmeisterbüro VHS. Das Telefon klingelt zu dieser unchristlichen Zeit, dran ist die Verwaltungschefin, die mir völlig aufgelöst und hektisch Weisungen gibt: Ich solle mich um 8.30 Uhr zur Herdern-Apotheke begeben. Dort würden sie heute einen Tresor verschenken. „Und wir brauchen doch so dringend einen Tresor“, sagt sie. Ich glaube nicht, dass wir dringend einen Tresor brauchen.

06/12/01, 7.45 Uhr, Berlin, U-Bahn 2. Ich lese mein Referat durch und schäme mich. Außerdem schleppe ich meinen Computer mit mir herum, in der wirren Hoffnung, noch etwas retten zu können.
Meine einzige Hoffnung ist, dass auf der Fahrt zur Uni die Stahlbetonindustrie ein Revival erlebt und mein Innovatives Denken gelobt wird.
Zu allem Überfluss werde ich zur Zeit jeden Morgen von meinem Rubbel-Los Kalender gefrustet, jeden Morgen eine Enttäuschung, wer denkt sich solche Gemeinheiten aus?
Nein ich werde heute keine Straßenzeitung kaufen, außer es stände ein Artikel über modernen Theaterbau drin. Oder der Verkäufer lässt sich eine verdammt gute Geschichte einfallen. Meine Hoffnung wird zerstört, meine Erwartung nicht erfüllt.

06/12/01, 9 Uhr, Freiburg, Herdern-Apotheke. Obwohl ich den Termin schon um eine halbe Stunde verzögert habe, ist der dumme Tresor noch nicht verschenkt. Der Apotheker freut sich sehr, mich zu sehen. Als ich mir das Ding anschaue, weiß ich auch, warum: Der Tresor ist 2,40 Meter hoch, 60 Zentimeter tief und breit und wiegt ungefähr soviel wie ein mittleres Warenkaufhaus. Da ich leider nicht „Der große Raub“ gesehen habe, fällt mir spontan keine Möglichkeit ein, das Stahlpaket auch nur einen Millimeter zu bewegen. Also verwende ich meine Energie darauf, mir eine möglichst gute Geschichte für die Verwaltungschefin auszudenken. Wusstet Ihr, dass Tresortransporte pro Treppenstufe bezahlt werden?

06/12/01, 12 Uhr, Berlin, Technische Fachhochschule. Da dummerweise der Dozent auf dem Weg zur Arbeit nicht von einem Elefanten gegen ein Nashorn gedrückt wurde, muss ich nun eine Entscheidung treffen: Ich stelle mir vor, dass es Linoleum-Verkäufer heutzutage auch nicht einfacher haben, stelle mich vor mein Seminar und halte ein feuriges, glühendes Referat, das in der „Geschichte der unverschämten Lügerei“ einen Ehrenplatz erhalten wird. Gott sei Dank hat der Dozent seit 1970 nichts mehr mit der freien Wirtschaft zu tun und lobt mein innovatives Denken.