Parkplatzgedanken (Eingeimpfte Schuldgefühle im Advent)

05/12/2001, 18:45h, Trier, Es ist ziemlich windig – perfekter Halt.
In Berlin wird ein Referat geschrieben, in Freiburg macht ein Hausmeister Feierabend
und in Trier kommt es mir so vor, als habe ich mich eines schlimmen Verbrechens
schuldig gemacht. Will man mir glauben machen(?).

Es gibt gute und weniger gute Parkplätze. Die weniger guten zeichnen sich dadurch aus,
daß man bis nach Hause noch kilometerweit durch eiskalten Nieselregen laufen muß.
Die guten sind dem heimischen Fernseher näher. In der Nähe meines Fernsehers gibt es
vier gute Parkplätze – auf einem hatte ich bis vor kurzem mein Auto stehen. Dieser
Parkplatz ist zwar gut, aber sehr klein und wenn man ausparken will, muß man ganz
bis zu dem Straßenschild zurücksetzen, welches den Parkplatz nach hinten begrenzt.

Bei Nieselregen steige ich also in mein Auto, setze zurück und zwar exakt so lange, bis
meine hintere Stoßstange den Pfosten des Schildes berührt. Die sowieso schon windschiefe
Stellung des Schildes zeugt davon, daß schon seit Generationen ein ganzer Haufen
Menschen nichts anderes zu tun hat, als rückwärts gegen dieses Schild zu fahren.
Man meint fast, das Automobil sei nur deshalb überhaupt erfunden worden, um damit gegen
dieses eine Schild zu fahren.
Und die modernen Autos sind so perfektioniert, daß die Berührung des Stoßfängers
mit diesem Schild keinerlei störendes Geräusch mehr macht.
Bei meinem Auto jedoch hört man dieses Zusammentreffen und man vernimmt es, ähnlich
sanftem Glockenläuten in weiter Ferne (gar lieblich), da rostiges Metall auf schiefes
Metall auftrifft. Für mein Auto gibt es nun kein Zurück mehr.

Ich lege den Vorwärtsgang ein und bemerke jetzt erst die Frau mit Regenschirm, die mir
wie blöde vom Bürgersteig aus zuwinkt. Anstatt mich schnellstmöglichst aus dem Staub zu
machen, weil ich schon genau weiß, was kommt, öffne ich die Fahrertür und frage nach.
„Sie haben das Schild umgefahren“ – „Das war schon immer schief“.
Kurzer Dialog, ich
habe keine Zeit und bin genervt, ziehe die Tür zu. Die Frau setzt einen
„Hilfe, Polizei!“-Blick auf, ich fahre davon und überlege mir, ob ich vielleicht
demnächst Post von der Staatsanwaltschaft bekomme und meinen Führerschein abgeben darf.
An der nächsten Ampel wünsche ich mich nach Frankreich, wo es keine winkenden Frauen
gibt, die sich über Nichtigkeiten aufregen.
Auf dem Hauptmarkt tobt der Weihnachtsmarkt,
auf den Straßen der Feierabendverkehr, mein schöner Parkplatz ist mir verleidet.
Schade, daß es kaum Menschen gibt, die einen ob des guten Parkplatzes, den man hat, loben.
So ein Mensch könnte mir vielleicht ein Lächeln ins Gesicht zaubern, die anderen können
mir für heute gestohlen bleiben.