Bekannte letzte Worte

  • Mehr Licht (Goethe)
  • Mehr Bier (F.J. Strauß)
  • Den Vorhang zu und alle Fragen offen (Ranicki)
  • Heiß, aber gut (Biolek)
  • Dein Gesicht und mein Arsch könnten gute Freunde sein (Udo Lindenberg)
  • Kennen Sie den schon (Fips Asmussen)
  • Das könnte gleich etwas knallen (Alfred Nobel)
  • Ich glaube, ich nehme mir noch eine von diesen köstlichen Brezeln (George W. Bush)
  • Kurzfristig bin auch ich tot. (John Maynard Keynes)
  • Zerstört meine Kreise nicht (Jürgen Triebel)
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Ulrich Wickert

Was viele nicht wussten: Genauso wie viel seiner Kollegen versuchte Ulrich Wickert, sich ein zweites Standbein durch eine eigene Wäschekollektion zu schaffen. (Hier: Bei der Präsentation des Waschlappens „der Saubere ist der Dumme“.)

Nach ausbleibendem Erfolg sah sich der sympathische Nachrichten-Anchorman jedoch gezwungen, sein Glück in der Schriftstellerei zu versuchen.

Wenn man so will…

Zum ersten Mal in diesem Jahr blendet mich beim Abendessen in der Mensa die untergehende Sonne ins Gesicht. Ich bin früh hier, weil das Seminar in den Semesterferien schon geschlossen hat. Vor mir in der Schlange an der Essensausgabe steht ein älterer Franzose, ausrasierter Stiernacken, gestutzter Schnubbi, bläulich getönte Fliegerbrille, ein buntes T-Shirt mit Palme über dem dicken Bauch. Der Franzose ist immer früh dran, und zehn Meter gegen den Wind riecht es so, als sei er gerade aus irgendeinem Keller gekommen.

Was ich über den Franzosen weiß: 1) dass er Franzose ist, weil er immer irgendwas Französisches nuschelt, wenn er bei der Essensausgabe an die Reihe kommt, 2) dass er Vegetarier ist, weil neben dem französischen Geschwafel noch das Wort „vegetarisch“ rauskriegt, 3) dass er seine vegetarische Portion innerhalb von fünf Minuten verputzt, dann zur Nachschlagtheke spurtet (erstaunliche Wendigkeit bei dem Körperumfang), den Nachschag in weiteren zwei Minuten vertilgt und dann schnurstracks aus dem Gebäude spurtet.

Während des Winters hat sich der Franzose mit seinem Tablett immer in den dunkelsten Mensawinkel verzogen, absichtlich da, wo die Birnen kaputt sind. Heute, im untergehenden Sonnenlicht, setzt er sich mir gegenüber. Der orangefarbene Sonnenball spiegelt sich in seiner Brille seltsam bräunlich. Ich schaue fasziniert zu, wie der Franzose schlingt und überlege mir, wie man wohl mit seinem Mann ein Gespräch anfangen kann. „Vous mangez trés vite“ bastele ich mir als Eingangsbemerkung zusammen, schweige dann aber lieber doch, peinlich berührt über mein verkümmertes Touristenfranzösisch.

Der Franzose ist weg und ich blinzele auf mein Tablett. Beim Blick auf das unten angepriesene Zigeunerhacksteak war mir spontan schlecht geworden (Juchhu, seit fünf Wochen strikt vegetarische Kost, sogar einen McDonalds-Besuch habe ich mir verkniffen). Nun liegen vor mir fünf kleine Frühlingsrollen, die ich misstrauisch beäuge. Denn nichts ist so zweifelhaft wie der Inhalt von Frühlingsrollen (alte chinesische Weisheit), vor allem, wenn man sie zum Abendessen in der Mensa serviert bekommt. Ich werde nicht enttäuscht: Geschmacklich können die gesammelten Küchenabfälle maximal vom Vortag sein. Und das restliche Unbehagen kann ich mit der im Plastikpöttchen nebenan schwimmenden Sojasoße wegtunken.

Während dessen stellt sich an der Nachschlagtheke eine Fettel auf und lässt sich das Tablett flächendeckend mit Pommes, Ketchup und Majo volladen, für sich und ihre drei dicken Freundinnen, die schwatzend nebenan stehen. Der obligatorische Alibi-Salat darf nicht fehlen, und flappflappflappplumps suchen sich die vier Mädels einen Tisch und fangen an mit den dicken Fingern in den Pommes herumzuwühlen. Das Selbstbewusstsein, mit dem dicke Menschen noch dicker werden fand ich schon immer bemerkenswert, denke ich mir, stecke mir eine Frühlingsrolle in den Mund und schaue Richtung roter Sonnenball.

Veröffentlicht unter michi