Wie ich einmal um vier Zähne ärmer und um einige Erfahrungen reicher wurde

Erster Lagebericht

Noch sind sie drin,sollte ich es mir noch einmal überlegen?
Ich pack das schon, so schlimm wird das außerdem bestimmt gar
nicht. Nicht so wie bei David (bei dem haben die Spritzen noch nicht gewirkt und
er hat gemerkt, wie das Skalpell sein Zahnfleisch durchtrennte
…) oder wie bei Tina, bei der sich das gleich zwei mal entzündet hatte (beim ersten Mal wegen
Essensresten
in den Löchern und beim zweiten Mal wegen Alkoholkonsumes…) und
dann war die letzte Geschichte die ich noch gehört habe, bei einer, die fast an der Schwellung erstickt wäre….

Zweiter Lagebericht

Das ist eine ganz gewöhnliche Routine-Op,das macht der doch jeden
Tag und mehrmals.

„Guten Tag Frau XXX! Ich darf doch noch Du zu dir sagen?“
(Aber nur,wenn ich sie „Böser-Mann-in-weiß“ nennen darf)

Ich nuschele meine Antwort,denn ich stell mich ja nicht an.
Wenig später sitze ich in einem kleinen normalen Zahnarztzimmer
und sehe Elvis-Best of Album-Werbung an. Vor seiner Medikamentensucht hatte der Mann mal tolle
Hüften und ich überlege, das ganze komplett ohne Schmerzmittel durchzustehen. Man weiss ja nie.

Eine Helferin hat alles vorbereitet:
Vor mir ein Tablett: Meißel, Skalpell, ne kleine
Schleifmaschine, Tupfer, Flex und so andere Dinge.

Jetzt ist er zurück, nun bekomme ich die 6 Spritzen, je eine für jeden
Zahn und dann zwei in den Gaumen.
Nun die erste: war ja gar nix
die zweite: grummel
die dritte: ahhh
die vierte: wo hat der das denn gelernt?

Zwanzig Minuten Einwirkzeit für die Betäubung, ich spüre wie mein
Kinn scheinbar immer größer und schwerer wird, mein Hals
„scheinbar“ zuschwillt und ich
sofort an das Mädchen denke, das künstlich beatmet werden musste.

Nun ist es aus, ich sabbere vor mich hin, kann nicht mehr
schlucken, fühle mich
gedemütigt, meiner Sprache beraubt, die einzigen Worte sind jetzt
eher Würggeräusche und silbenloses Brabbeln.

Die Helferin, sie scheint mich zu verstehen! Sie lächelt mich an
und ich versuche ihr zu erklären, das bei einem Freund die
Spritzen nicht gewirkt haben.
„Das werden wir ja merken. Wenn es zu stark wehtut sag Bescheid,
dann spritzen wir nach!“ No comment.

Dritter Lagebericht

Der Ernstfall

Der Doktor ist da,er kommt an mich heran, öffnet mir mit
hypnotischen Worten
den Mund und er legt los:

Er schnippelt hier, er schneidet da, reißt mir das Zahnfleisch
auseinander damit er an die Wurzel kann, auf in den Grund meines
Kiefers dort, wo die Kleinen
sitzen und darauf warten, als Manschettenknöpfe zu enden.
Jetzt schaut er – seine Helferin fleißig und flink mit dem
Sauger dort wo mein Blut endet (an den nicht betäubten Stellen meines
Gesichtes merke
ich die Spritzer )- wo die Dinger sitzen.

Nun schnippelt er noch schnell die Schleimsäckchen ab, die hat
jeder Zahn. Jetzt kommt die Schleifmaschine,sie schneidet den
Zahn heraus,ich höre das laute
Kreischen.

Zu guter letzt: „Jetzt drückt es ein wenig.“
Ein furchtbarer Schmerz, er bricht die Wurzelreste heraus, drückt
dabei nochmal schön auf die Nerven.

Dieses viermal vollzogen, dann schnell zwei dicke Tampons in
meinen Mund gestopft und die zwanzig Minuten sind um.
Da ich nicht mit leeren Händen nach Hause kommen wollte, nahm ich
meine Zähne
natürlich mit.

So saß ich da und hatte noch keine Schmerzen mit meinem Kühlkissen
um den Kopf.
Erst am Abend waren sie da, rechneten aber nicht mit Dolomo TN, dem besten
Schmerzmittel auf dem Erdenrund. Mein Gesicht
schwoll ein wenig an, aber ich konnte mich schließlich von
Tomatensuppe und Apfel- und Bananenmatsch ernähren. Keine
Erstickungsanfälle, keine blauen Flecken im Gesicht und morgen
wird die Schwellung nicht mehr zu sehen sein.

PS: meine letzten Worte vor der OP hätten so klingen können:
Ich hoffe ich werde ihre Nasenhaare nicht anstarren.