Mein gestörtes Verhältnis zum Mindesthaltbarkeitsdatum

Ich bin ein penibler Spießbürger erster Klasse, wenn es um Mindesthaltbarkeitsdaten
geht, ein Fürchtegott modernen Auszeichnewesens, ein Sherlock Holmes der Unterseite
und des Deckelrandes.

Ein zwei Tage abgelaufener Joghurt wandert bei mir ungesehen in den Müll, eine vier
Tage zu alte Suppe aus der Dose schmeiße ich, metaphorisch gesehen, im hohen
Bogen aus dem Fenster und Dinge ohne Haltbarkeitsdaten fasse ich nur mit einer
sterilen Zange an.

Immer wieder tauchen jedoch Menschen in meinem Leben auf, die eine geradezu
saloppe Beziehung zu diesem Thema haben. Sie sagen für gewöhnlich: „Wat soll
dä Quatsch? Da steht mindest, leisetreterisch, ängstlich bemessen usw.“
Ich aber sage Euch: Da steht Lebensmittelvergiftung, Unverträglichkeitsreaktion,
Tod und Verderben.

Neulich begab es sich, dass mir kochendes Wasser über den Rücken geriet, was
an sich ja schon unangenehm genug ist, jedoch wollte man die Wunde mit einem
Salbenverband abdecken der bereits im März 1999 abgelaufen war, ranzig und
braun sollte er auf meiner Alabasterhaut kleben. Ich rannte Zeter und Mordio
brüllend davon und schloss mich im Keller des Wüterichs ein.

Doch, was musste mein armes Herz erblicken! Eine Brutkammer des Verderbens,
Vergehens, Verwesens und aller sonstigen Ver- Wörter.

Ich stieß auf Artischockenherzen abgelaufen 1988, Bambussprossen von Läden
die vor hundert Jahren Pleite gemacht haben, Nudeln von 1990, Medikamente
von1960, Gasflaschen mit abgelaufenem TÜV, Dosen mit alten Postleitzahlen, Made
in West Germany und das alles mit brennenden Rücken.

Was soll ich sagen, der Rücken heilt langsam, der Riss in meiner Seele wohl
nie, niemals, Verfallsdatum 1.000.000.000 sozusagen.

Gehet alle hin in die Keller eurer Großeltern, Eltern und sonstiger potenzieller Sünder
und suchet mir das am weitesten abgelaufene Produkt.

Dieses wollen wir zur Schande des Betreffenden in unserem weisen Blättchen
veröffentlichen.