Moloch Berlin

A114 Richtung Berlin. Die Autobahn sticht im Nordosten in diese Stadt wie ein Dolch in einen
verwundet am Boden liegenden Riesenmoloch, der sich wild um sich greifend von den Menschen
ernährt, die in seine Reichweite kommen. Es türmen sich Hochhausfronten vor einem auf, als
wollten diese einem aus ihren warnend erhobenen Betongesichtern zuraunen: „Reisender, kehre um, zurück
aufs Land, in die Heide, wo die Kiefern steh’n!“ – Doch zu spät.

Die Stadt verschlingt gierig und
beginnt, die Ankömmlinge auf ihrem Kopfsteinpflaster zu zermahlen. Ampeln, Werbetafeln,
abgeknickte Straßenschilder, kreuzende Straßenbahnen, Taxis, die dem pulsierenden Strom der
Autokolonnen ein schnelleres Tempo befehlen.

Großstadt, klar – aber doch nicht nur. Irgendetwas
Beunruhigendes liegt in der Luft. „Du bist hier nicht in Düsseldorf“, schreit ein Ampelmännchen,
„und nicht in Essen, oder in Genua, oder in Paris, oder in Hamburg…“ – und es hat recht.

Vorsicht, nicht den brabbelnden Penner totfahren, trotz Einbahnstraßenchaos. Man stellt sein
Auto ab und hofft, daß einen sein Lebensweg noch einmal hier in die Gegend führt. Gesenkten
Blickes wankt man zwischen Hundekot und Schriftzügen aus Spraydosen. Vermutlich ein
Legastheniker hat sich verzweifelt an dem Spruch „Anachie statt Hierachie“ versucht. Beim
Nachtverkauf gibt es Bier für 75cent.

Man trinkt es zwischen den nicht endenden Häuserfassaden.
Irgendwo ganz weit oben ist der Himmel, hier unten stehen vollgepisste Sofas und rostige Fahrräder.
Wenn man hier nicht sowieso schon irgendwelche Menschen kennt, dann gibt es gar keine.

Vielleicht
versucht man verzweifelt an irgendeiner Telefonsäule, irgendjemanden zu erreichen, normalerweise
beginnt die Nummer mit 030, aber man ist ja da, man ist theoretisch dabei, mittendrin und doch auch
wieder nicht. Anrufbeantworter. Ich bin hier irgendwo, vielleicht, komm doch eventuell nach
da und da um die ein oder andere Zeit.

Es gibt Treppenhäuser, in denen ist alles kaputt, in anderen
nur manches. Hauseingänge mit alten Holztüren, zerschrammt, bemalt, Klingelschilder ohne Namen.
Kneipen reihen sich an der Straße – und wenn nicht durchgehend, dann zumindest an den Ecken. Die
meisten schreien „bleib draußen“ oder „geh weg“. Muß man hier erst selbst wissen, wer man ist, bevor man sagen kann: „ICH bin hier – und zwar in Berlin“? Das kann nicht sein. Trotzdem sehen viele hier so aus, als gehörten sie hier auch hin.

Trost findet man, weil man in dem „globalen Dorf“
dann doch ein bekanntes Gesicht entdeckt, mit dem man in einem Laden, den es so nicht geben dürfte,
im ersten Stock eines Hauses, Eingang im Hinterhof, noch etwas trinkt und über Dinge redet, die
ganz woanders stattgefunden haben. Weit weg von dem schiefen Pflaster, vielleicht mit Blick in
die Ferne.

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Veröffentlicht unter kai

Problemstellung

Es gibt nicht viel, woran sich der moderne Mensch nicht schon einmal versucht hätte, in den Orbit fliegen ist z.B. mittlerweile schon so gewöhnlich, dass man es für schlappe 24 Mio. Dollar machen kann (interessant wäre eine Kilometerabrechnung wie bei einem Taxameter, wieviel Trinkgeld gibt man da wohl?).

Gotteslästerung bringt einen nicht mehr auf den Scheiterhaufen, der Dom ist im Bau, es wird hier und da globalisiert, das Licht gibt’s elektrisch, die Unterhaltung auch.
Weltrekorde werden immer noch gebrochen und Computer werden immer noch schneller, Pfannen werden mit Materialien beschichtet, die sonst mit bescheuerten Millionären im Orbit rumhängen.

Wie zum Teufel soll man also heute noch erkennen können, ob eine Forderung oder Aufgabe tatsächlich unmöglich ist?
Neulich auf der Sommerblumenwiese „Dolce Vita“ fragte ich den Allvater.
„Allvater,“ fragte ich, „Allvater, wie erkenne ich, dass mir eine unmögliche Aufgabe gestellt wird?“ .

„Tricky,“ antwortete der Allvater „am einfachsten untersuchst Du die Fragestellung, je harmloser sie klingt, desto seltener ist das Verlangte realisierbar.“
„Hä?“ bemerkte ich. .

„Nun,“ entgegnete der Vater „nimm folgendes Gleichnis, oder besser das Beispiel, welches ich jetzt nenne: Besiege den Schnupfen, bau mal eben das Regal auf und komm dann Frühstücken. Ich wage zu Prophezeien, dass dein Tee kalt wird.“ .

„Leuchtet ein.“ schob ich ein, aber jetzt war der Allvater mal wieder in Fahrt. .

„Beiläufigkeit, mein Sohn, ist ein Garant für eine teuflisch verzwickte, bzw. unmögliche Aufgabe. Nimm folgenden Satz: >>Das wird schon irgendwie gehen, das machen wir schon irgendwie (wenn wir da sind).<< Es wird der Erfahrung nach nicht im geringsten gehen. Mit ‚wir’ bist ‚du’ gemeint und zusätzlich wirst du alles unter völlig bescheuerten Arbeitsbedingungen erledigen sollen, der Mehraufwand wird so oder so vielstellige Mehrkosten, respektive Tote, respektive Hunde erfordern. Schon die Vorstellung, das sich der Aufgabensteller nur für zwei Cent Gedanken dazu gemacht hat, ist absurd.“ .

„Aber All,“ klagte ich „was soll ich denn tun, werde ich mit so etwas konfrontiert?“
„Ich will dir zwei göttliche Antworten geben, die immer passen: .

.

.

1. Nein, das war etwas völlig anderes, viel kleineres, was nie funktioniert hat und nie funktionieren wird.
.

.

2. Ist Einäschern O.K.?

Veröffentlicht unter erik