Unser Advent 10

Neulich hab ich mich dabei ertappt, wie ich Sonntag abends während Sabine Christiansen ein Buch gelesen hab und nur ab und an die Zeilen Zeilen sein ließ, um auf den Fernseher zu schauen. Und zwar immer nur dann, wenn Frau Christiansen ihren Gästen unbequeme Zwischenfragen stellte:“Aber ist es nicht so…“, „Vor nicht mal einem Jahr sagten Sie doch…“, „Hat ihre Partei nicht aber…“ – so in dem Stil, man kennt das.

Die Hahnenkämpfe der Politiker zwischendurch veranlassten mich dazu, mich immer wieder meiner Lektüre zu widmen. Warum schau ich mir diese Sendung überhaupt noch an? Vielleicht warte ich darauf, daß irgendwer in der Runde einmal klipp und klar sagt: „Da kann die Politik doch eh nichts machen und wir Politiker müssen schließlich trotzdem unsere Machtpositionen sichern – irgendwie muß man ja sein Geld verdienen.“

Viel interessanter als Sabine Christiansen war dagegen das Gespräch, welches ich neulich in einem Cafe belauschte. Offensichtlich hatten einige ausländische Studierende, eigentlich, um Deutsch zu lernen, aber aus pädagogischen Gründen der Aktualität des Tagesgeschehens verbunden, die Aufgabe bekommen, über die Geschehnisse in der Politik referieren zu können. Ein deutschsprachiger Tutor fragte gerade eine italienische Studentin nach dem Finanzminister: „Eichert? Ebert?“ – „Eichel“ – „ach so, O.K.“ In der Gruppe entfachten kleine Gespräche. Es ist erstaunlich, wie sehr Tacheles geredet wird, wenn sich Leute über die deutsche Politik unterhalten, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und die sich, auch gerade deswegen, möglichst kurz fassen wollen: „Der Finanzminister ist Eichel, Deutschland hat Schulden, kein Geld, weil es gibt mehr aus, als hereinkommt, Schröder hat gelogen, weil er sagt, Deutschland hat wenige Schulden, vor der Wahl.“