Unser Advent 12

„This is David Bowie. It`s Christmas 1984 and there are more starving folks…”, schnarrt es aus dem Radiowecker. Ja, wäre es mal noch 1984. Dann wäre ich sechs Jahre alt und mein einziges Problem wäre wahrscheinlich, dass ich nicht weiß, was ich dieses Jahr vom Weihnachtsmann bekomme.

Nein, es ist nicht 1984, sondern der 13. Dezember 2002, 5.30 Uhr. Es ist kalt, es ist richtig kalt, ich muss arbeiten, und ich habe mal richtig keinen Bock. Wie kalt es ist, merke ich ganz schnell: Ich sehe meinen Atem im Treppenhaus; bis ich den Heizlüfter einschalte, sehe ich ihn auch im Bad; und es dauert geschätzte zwei Minuten, bis das Duschwasser vom einen Stock tiefer liegenden Boiler eine halbwegs annehmbare Temperatur hat.

Für mich als langjährigen Abonnenten des Bayernkuriers sind das nur Metaphern für die düstere Lage in Deutschland, die soziale Kälte des Gesundheitssystems, den frostigen Winter der Konjunktur. „Schröder hat sich mit seiner Art von Politik an Deutschland versündigt, wie dies beispiellos ist in der bundesdeutschen Geschichte. Den wahren Schaden werden wir noch zu spüren bekommen. Das aktuelle Dilemma scheint kaum lösbar“, schreibt Chefredakteur Peter Schmalz in der aktuellen Ausgabe. Schmalz, der ohne weiteres als Oberhetzer beim Landser oder der Nationalzeitung anfangen könnte, macht seinem Namen alle Ehre. Dann nämlich, wenn er seinen Herausgeber Edmund Stoiber interviewen darf. Da dreht sich selbst mir als wertkonservativem Fördermitglied der CSU der Magen um.

Es bleibt keine Zeit für weitere Zeitungslektüre und noch nicht einmal dafür, in meinen tollen Adventskalender zu gucken. Auf geht’s durch den Frost zur Straßenbahn, in der es schon am frühen Morgen nach Leberwurst und billigem Rasierwasser riecht. Die über 70 Jahre alte und 1,52 Meter große Putzfrau der VHS empfängt mich mit der üblichen Schimpfkanonade, von der ich nur die Hälfte verstehe. Sie zerrt mich zum Christbaum, der im Foyer aufgebaut ist, packt mit ihren Gummihandschuhen an den Stamm und rüttelt heftig. Der Boden rings um den Tannenbaum ist so stark mit Nadeln bedeckt, dass es wie dichter, grüner Teppich aussieht. Und nachdem die Putzfrau den Baum traktiert hat, sind auch noch die letzten losen Nadeln herabgerieselt. Die anhaltende Schimpfkanonade soll wohl folgendes bedeuten: Weil die Stadt so einen alten Baum geliefert hat, muss sie jetzt jeden Tag die Nadeln wegfegen, was eine ziemliche Sauerei ist, weil die Nadeln durch den täglichen Publikumsverkehr mittlerweile im ganzen Haus verteilt liegen.

Eine Stunde später – nachdem sich auch der Chef beschwert hat – schmücke ich das kahle Gerippe ab, zersäge es, damit es in die blaue Mülltüte reinpasst, fege die allerallerletzten Tannennadeln zusammen und stelle die Tüte in den Hof. Und das alles elf Tage vor dem heiligen Fest.