Es gab nichts mehr zu sagen

…weil schon alles gesagt wurde. Und alles war aufgeschrieben. Es
gab nichts mehr zu sagen oder zu schreiben. Die Worte – ja die
Sprach- und Schriftkultur war am Ende.

Das war der Moment, in dem ich überlegte, wie ich denn das
hier aufschreiben kann, wenn es doch keine Worte mehr gibt. Und
wie kannst Du das lesen, wenn doch schon alles gesagt wurde.

Es ist eine seltsame Zeit der Stille und Ruhe. Ein Selbstverständnis
liegt in der Luft, dass alle um mich herum ergreift. Es gibt keine
Veranlassung, etwas zu sagen, zu erklären oder seine Gedanken
auszutauschen.

Veröffentlicht unter marcus

Das Zeitalter des Sternchens*

Werbung und Recht scheinen inzwischen so
unvereinbar zu sein, dass entweder die Aussagen der Werbung zu übertrieben
oder die Rechtslage zu uneindeutig ist, um noch eine
einzige Aussage ohne abschliessendes Sternchen zu
treffen. Die vorhergehende ausgenommen. Überall muss noch eine Anmerkung, eine Fussnote
plaziert werden, die das zuvorgesagte richtigstellt.

Diese Freisprechanlage für Mobiltelefone passt für alle Telefontypen.*

Sternchen: auf alle, bis auf Typen mit ausklappbarem
Mikrofon. Aber es verkauft sich doch besser, wenn man
erst man superlativiert. One size fits all. Besonders bei Neuanträgen
von Mobiltelefonen und Heimtelefonanlagen finden sich
Tarife, die ein Handy für 0,00 DM anpreisen – natürlich mit
Sternchen und einschränkendem Kleingedrucktem.

Manchmal fehlt das Sternchen auch komplett. Resultiert
das obengesagte noch aus dem inzwischen berühmten
„Objects in the rear view mirrors may appear closer
than they are“ auf Weitwinkelrückspiegeln von
amerikanischen Autos, sozusagen das Sternchen der Rückspiegel,
finden sich im Internet mehr und mehr kostenlose Downloads.

Hier geht es zum Download.*

Das klingt jetzt wie von vor dem Krieg: drückte man beim
Internet-Surfen 1997 auf einen Button oder einen Link, der
irgendwas mit „Download“ zu tun hatte, wurde das
Gewünschte direkt auf den heimischen Rechner geladen.

Direkt!

Das hat sich grundlegend
geändert. Die Internetverbindungen
werden zwar im allgemeinen schneller und günstiger,
aber die Gesamtzeit ändert sich nicht – denn nun ist an dem Download ein
kleines Sternchen. Wenn man nun auf den Knopf klickt kommt eine
Download-Anforderungsseite, die aus einem Formular mit mindestens sieben Feldern
besteht. Hat man sich dort registriert, kann man, wenn man sich baumartig durch
die weiteren Auswahlmenus nach dem passenden Server und der Sprachwahl, dem
Betriebssystem und der bevorzugten Speiseeissorte gearbeitet hat, das Gewünschte
in Nahezu sofortiger Zeit auf den heimischen Rechner übertragen. Super. Zum Glück
gibt es Flatrates. Zum Beispiel zum Schnäppchenpreis von

19,90*

Wie lange noch sind Preise in Supermarkt-Prospekten
noch sternchenfrei? Oh nein; zu spät, einige Grossmärkte weisen
ja bereits die Mehrwertsteuer getrennt aus und werben
mit den Nettopreisen. Natürlich mit Sternchen. Und zumindest
in der Übergangsphase zum Euro finden wir Angebote, die nur halb
so teuer sind wie die Konkurrenz. Das Sternchen verrät: Der Preis
in D-Mark ist 1,95583mal höher.

Warum ist eigentlich nichts einfach so, wie es
beschrieben wird? Ich entwickele eine Sternchenallergie,
die mich bei einem Sternchen schon nicht mehr weiter
recherchieren lässt (von Niessen und Hautausschlag nicht zu
reden), denn hierzu muss man oft genug ins
Kleingedruckte. Und dieses weitet sich weiter aus.
Inzwischen kommen auch private Webseiten nicht mehr ohne
Sternchen aus. Fanseiten haben häufig einen ‚Disclaimer‘, eine
Seite, auf der sich der Verfasser davon distanziert, das Präsentierte
entstamme einer offiziellen Stelle. Das ist natürlich nicht seine
Idee. Doch seit 1998 geht das noch etwas weiter. Die Richter am
Landesgericht Hamburg sehen seitdem in Links eine konkrete Empfehlung,
so dass sich auf so ziemlich jeder seit dieser Zeit aktualisierten
Homepage ein Sternchen findet, dass diesen Punkt anspricht. Auch auf dieser.

Gleich geht es weiter, nach der Produktinformation…*

Aber das Fernsehprogramm ist noch sternchenfrei. Oder
auch nicht – denn wenn der obige Satz fällt, kann man eigentlich
schon direkt umschalten. Denn nach der Werbung kommen ohnehin nur
noch 15 Sekunden Programm, die meistens nur eine kommentierte Version
der Vorschau ist. Andere Sendungen werden direkt nach
Beginn mit einer Werbepause ausgestattet. Dieses sind die Sternchen
der Fernsehsender, denn Beginn und Ende der Sendungen sind ‚geschönt‘.

Der Autor verbleibt mit den besten Grüssen.*

Veröffentlicht unter marcus

Für wen

Für wen bringe ich eigentlich Batterien zum Sondermüll? Gibt
es nicht auch Akkus, die ich aufladen könnte?! Das würde bestimmt eine Menge Rohstoffe sparen. Interessiert das die
Superwichtigen, die jeden Tag der Woche in einer anderen
Metropole der Welt zum Shoppen unterwegs sind?

Warum sammele ich denn Altpapier? Aus welchem Grund spende
ich Blut? Generationenvertrag? Für meine Kinder? Welche
denn, und sind das nicht vielleicht auch solche, die eine
Clubkreuzfahrt in die Karibik buchen und das Schiff nicht mal
verlassen? Dasselbe wie bei der Hafenrundfahrt in Duisburg.

Ich glaube fest daran, dass Fleisch essen schlecht ist.
Jeden Monat spende ich einen Teil meines geringen Geldes
für die Malaria und AIDS Bekämpfung. Begeistert mich die
Raumfahrt eines spleenigen Milliardärs? Der Coca-Cola
Aktionstipp: zur Titanic tauchen, einfach mal so zum
ansehen. Kann man Freunden von erzählen. Supersache.
Hauptsache, es macht Spass.
Macht es eigentlich Spass, Plastikbecher zu spülen?

Hoffnung ist auch immer ein bisschen Dummheit.

Veröffentlicht unter marcus

Mich trifft es besonders hart – ich habe einen 70l Tank

Zahlen sind nach dem Menschen
wohl das grösste Mysterium der Welt. Der grösste Schock, um bei den
Superlativen zu bleiben, für einen Herrn im Vorruhestand war wohl die insgesamt
drastische Benzinpreiserhöhung Anfang 2000.

Dieser Herr war in einer
TV-Umfrage nach seiner Meinung gefragt worden und er hat sich mit dem Satz
„Mich trifft es besonders hart – ich habe einen 70l Tank.“ in meiner
Erinnerung verewigt.

Warscheinlich
für immer.

Dabei müsste man in den
Industriestaaten doch von einer durchgängig wenigstens ausreichenden
mathematischen Vorbildung ausgehen können.

Man kann nicht.

Offener Brief für den unbekannten
Herrn im Vorruhestand

Sehr geehrter Herr,

um es direkt zu sagen: Ihr
Tankinhalt hat nichts mit dem Benzinpreis zu tun. Der Tankinhalt wird natürlich
immer 70l betragen, wenn er vorher bereits dieses Raumvolumen zur
Verfügung gestellt hat. Eine Erhöhung
des Preises hat darauf keinen Einfluss. Weiterhin wird Ihr Auto bei vorgegebenen
Einflussfaktoren auch nicht mehr verbrauchen, weil sich der Benzinpreis erhöht
hat. Was sich ändert, wie sie vielleicht schon bemerkt haben, ist der Preis für
eine Tankfüllung. Dieser Änderung liegt eine mathematische Formel zugrunde:

Preis pro Liter Benzin * Tankinhalt in
Litern = Preis pro Tankfüllung

Nun ist es aber nicht so, dass es
Sie hart trifft. Es trifft Sie genau gleich hart wie andere Personen, die Benzin
käuflich erwerben. Die Korelation, die Sie zwischen Tankinhalt und Benzinpreis
zu finden glauben, existiert indess, wie eingangs erwähnt, nicht. Nehmen wir
einmal modellhaft an, Ihr Tankinhalt wäre geringer – beispielsweise 34 Liter.
Das hätte keinerlei Auswirkungen auf den Benzinpreis, da dieser ja gegeben ist,
und auch keine Auswirkungen auf den Verbrauch, den wir ebenfalls als gegeben
ansehen wollen. Das Einzige, was sich änderte, wäre der Preis einer Tankfüllung.
Dieses können Sie anhand oben angegebener Formel leicht nachrechnen.

Da Sie nun mit einem niedrigeren
Tankvolumen über eine direkt proportional geringere Reichweite verfügen, tanken
Sie folgerichtig häufiger als vorher, so daß sich zwar die Endbeträge
verringern ließen, gleichzeitig aber dann die Anzahl der Tankfüllungen in
gleichem Maß zunimmt und diese Ersparnis vollkommen aufbraucht. Über einen
längeren Zeitraum betrachtet äußert sich ein größeres Tankvolumen, bei
fixem Benzinverbrauch des Fahrzeugs, darin, dass sich nicht nur die Reichweite
erhöht, sondern sich bei entsprechend umsichtigem Konsumverhalten auch zu
günstigen Zeitpunkten nachtanken ließe. Dieses ist bei geringeren Volumen des
Kraftstoffbehälters schwieriger zu optimieren. Daher ist das von Ihnen durch „besonders“
gesteigerte Adjektiv hart hinreichend falsch, denn Sie können durch das
grössere Tankvolumen die Marktlage besser nutzen als dieses bei Fahrern von Fahrzeugen
mit geringerem Tankinhalt der Fall ist.

Nach dieser, zugegebenermassen,
belehrenden Erklärung etwas Konstruktives:

Denken
Sie mal über Aluminiumfahrräder nach…

Veröffentlicht unter marcus