Wenn man so will…

Zum ersten Mal in diesem Jahr blendet mich beim Abendessen in der Mensa die untergehende Sonne ins Gesicht. Ich bin früh hier, weil das Seminar in den Semesterferien schon geschlossen hat. Vor mir in der Schlange an der Essensausgabe steht ein älterer Franzose, ausrasierter Stiernacken, gestutzter Schnubbi, bläulich getönte Fliegerbrille, ein buntes T-Shirt mit Palme über dem dicken Bauch. Der Franzose ist immer früh dran, und zehn Meter gegen den Wind riecht es so, als sei er gerade aus irgendeinem Keller gekommen.

Was ich über den Franzosen weiß: 1) dass er Franzose ist, weil er immer irgendwas Französisches nuschelt, wenn er bei der Essensausgabe an die Reihe kommt, 2) dass er Vegetarier ist, weil neben dem französischen Geschwafel noch das Wort „vegetarisch“ rauskriegt, 3) dass er seine vegetarische Portion innerhalb von fünf Minuten verputzt, dann zur Nachschlagtheke spurtet (erstaunliche Wendigkeit bei dem Körperumfang), den Nachschag in weiteren zwei Minuten vertilgt und dann schnurstracks aus dem Gebäude spurtet.

Während des Winters hat sich der Franzose mit seinem Tablett immer in den dunkelsten Mensawinkel verzogen, absichtlich da, wo die Birnen kaputt sind. Heute, im untergehenden Sonnenlicht, setzt er sich mir gegenüber. Der orangefarbene Sonnenball spiegelt sich in seiner Brille seltsam bräunlich. Ich schaue fasziniert zu, wie der Franzose schlingt und überlege mir, wie man wohl mit seinem Mann ein Gespräch anfangen kann. „Vous mangez trés vite“ bastele ich mir als Eingangsbemerkung zusammen, schweige dann aber lieber doch, peinlich berührt über mein verkümmertes Touristenfranzösisch.

Der Franzose ist weg und ich blinzele auf mein Tablett. Beim Blick auf das unten angepriesene Zigeunerhacksteak war mir spontan schlecht geworden (Juchhu, seit fünf Wochen strikt vegetarische Kost, sogar einen McDonalds-Besuch habe ich mir verkniffen). Nun liegen vor mir fünf kleine Frühlingsrollen, die ich misstrauisch beäuge. Denn nichts ist so zweifelhaft wie der Inhalt von Frühlingsrollen (alte chinesische Weisheit), vor allem, wenn man sie zum Abendessen in der Mensa serviert bekommt. Ich werde nicht enttäuscht: Geschmacklich können die gesammelten Küchenabfälle maximal vom Vortag sein. Und das restliche Unbehagen kann ich mit der im Plastikpöttchen nebenan schwimmenden Sojasoße wegtunken.

Während dessen stellt sich an der Nachschlagtheke eine Fettel auf und lässt sich das Tablett flächendeckend mit Pommes, Ketchup und Majo volladen, für sich und ihre drei dicken Freundinnen, die schwatzend nebenan stehen. Der obligatorische Alibi-Salat darf nicht fehlen, und flappflappflappplumps suchen sich die vier Mädels einen Tisch und fangen an mit den dicken Fingern in den Pommes herumzuwühlen. Das Selbstbewusstsein, mit dem dicke Menschen noch dicker werden fand ich schon immer bemerkenswert, denke ich mir, stecke mir eine Frühlingsrolle in den Mund und schaue Richtung roter Sonnenball.

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Eriks und Michis Adventskalender 5

05/12/01, 15 Uhr, Freiburg, Arbeitsamt. Europa wird mit dem Euro noch ein bisschen greifbarer. Und so muss natürlich Freiburg, das sich sowieso als Nabel Europas, wenn nicht sogar der Welt sieht, seinen Senf mit einer Berufsorientierungsbörse zum Thema „Freies Europa“ dazugeben. Und weil die VHS auch dabei ist, darf ich natürlich den klapprigen VHS-Stand aufbauen. Morgen früh geht es los, und das Foyer wimmelt jetzt schon vor Leuten, die ihre riesigen Pappaufsteller, Broschüren und Gratisluftballons liebevoll drappiert haben. Als ich mit dem altersschwachen Gestell anrücke, ist natürlich alles schon voll, und der Koordinator vom Arbeitsamt guckt mich etwas mitleidig an. „Da finden wir schon noch ein Plätzchen. Groß muss es ja wahrlich nicht sein“, sagt er und schaut sich im Raum um.

05/12/01, 6 Uhr (morgens!), Berlin, Lokalredaktion. Todesmutig habe ich mir den Wecker auf 6 Uhr gestellt, um mein längst fälliges Referat an diesem eigentlich freien Mittwoch durchzuprügeln.

05/12/01, 12 Uhr (mittags!!), Berlin, Lokalredaktion. Ich raffe mich also geringfügig verspätet auf, um das größte jemals geschriebene Werk über variable Theaterbauformen zu verfassen. Alle Bücher zu diesem Thema sind jedoch von 1970 und preisen den modernen Stahlbetonbau (doofe Idee). Mein Heil liegt also in der Kunst der freien Improvisation.

05/12/01, 17 Uhr, Freiburg, Arbeitsamt. Es steht, und das verwundert nicht nur mich. Der Koordinator vom Arbeitsamt hat wirklich ein Eckchen für mich gefunden, der Tante vom Stand nebenan ist aber noch spontan eingefallen, dass sie noch zwei Meter für eine Stellwand braucht, so dass ich jetzt wieder nach dem Koordinator suche. Der ist mittlerweile aber wohl nach Hause gegangen. Die Tante vom Stand nebenan grabscht derweil nervös an meinen Pappaufsteller, was ich ihr mit strengem Tremolo untersage. Dann pack ich meinen Kram zusammen und lasse die gute Frau einfach stehen. Ich muss ja morgen nicht den Stand betreuen.

05/12/01, 13-15 Uhr, 15-18 Uhr, 19-20 Uhr, Berlin, Lokalredaktion. Nachdem ich nun die Fenster geputzt, die Schaukel repariert, den Hund gefaxt und die Putzfrau gefeuert habe, fällt mir echt nichts mehr ein. Und ich schreibe ein Referat, in dem ich die Vorteile des modernen Stahlbetons preise und mich dabei noch nicht einmal schäme.

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Eriks und Michis Adventskalender 4

04/12/01, 9 Uhr, Freiburg, Foyer der VHS. Da liegt es nun, das grüne Ungetüm. Mit fünf Tagen Verspätung hat nun der Weihnachtsbaum-Verkäufer geliefert – zur Abwechslung mal eine schöne Tanne, gerade und gesund. Das Exemplar des vergangenen Jahres nadelte schon bei seiner Ankunft und hatte eine völlig kahle Spitze, welche sogar das schreiend bunte Tiffany-Engels-Bild so gar nicht verschönern mochte. Die Putzfrau hat heute Morgen gekonnt um das liegende Ungetüm herumgefegt, und ich soll es nun aufstellen. Das Problem: der Baum ist knapp drei Meter, der Raum 2,40 Meter hoch und ich bin ganz allein mit meiner Säge.

04/12/01, 9 Uhr, Berlin, vor den Schönhauser Allee-Arkaden. Da steht er nun, der Kinderfresser-Lokalredakteur und fragt sich allen Ernstes, ob er tatsächlich den 3-Meter-Weihnachtsbaum nehmen soll. Erstens: weil er es kann. Zweitens: weil die Tanne so schön billig ist. Mal ehrlich: Wo sonst kriegt man eine 3-Meter-Tanne für vierzig Mark? Die Befürchtung einer vorzeitigen Verlobungsauflösung aufgrund von Größenwahn lassen unseren Protagonisten doch zum 1,80 Meter-Baum greifen. Der ist aber auch schön billig (zwanzich Makk).

04/12/01, 9.30 Uhr, Freiburg, Foyer der VHS. Das Mords-Trumm steht, sogar gerade. Nur die Spitze hängt etwas unter der Decke des Wandelgangs. Der Tiffany-Engel hat’s verdient und muss nun bis Weihnachten in schiefer Haltung ausharren. Bilanz: Ich bin schon wieder völlig erschöpft, habe mir mit der rostigen Säge drei Schnittwunden an der Hand zugefügt, von der so merkwürdige blaue Linien an meinem Oberarm hochwandern. Das Beste kommt zum Schluss: Die Verwaltungschefin tritt zur Tür herein und beäugt neugierig mein Werk, blickt dann angewidert auf die übrig gebliebene Harz-Nadel-Verunreinigung hinter mir. „Das kommt aber auch noch weg“, sagt sie und geht. Wie sehr gönne ich ihr jetzt den Platz beim Weihnachtsengel.

04/12/01, 10.20 Uhr, Berlin, Lokalredaktion. Die1,80-Lösung hat sich als weise herausgestellt. Der redaktionseigene Weihnachtsbaumständer kommt schon kaum mit der kleineren Version klar. Dem Wunsch nach echten Kerzen entsprechend müssen alle Mitarbeiter eine Brandschutzübung absolvieren. Aufgrund der aus schierem Geiz in der Vorweihnachtszeit gekauften Brandlast sind bis Heiligabend je zwei Mitarbeiter als Brandwache abgestellt. Der Moral im Betrieb tut das aber wegen der adventlichen Stimmung (Kerzen- und Tannenduft, verantwortungsvolle Aufgabe) keinen Abbruch.

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Eriks und Michis Adventskalender 6

06/12/01, 7.30 Uhr, Freiburg, Hausmeisterbüro VHS. Das Telefon klingelt zu dieser unchristlichen Zeit, dran ist die Verwaltungschefin, die mir völlig aufgelöst und hektisch Weisungen gibt: Ich solle mich um 8.30 Uhr zur Herdern-Apotheke begeben. Dort würden sie heute einen Tresor verschenken. „Und wir brauchen doch so dringend einen Tresor“, sagt sie. Ich glaube nicht, dass wir dringend einen Tresor brauchen.

06/12/01, 7.45 Uhr, Berlin, U-Bahn 2. Ich lese mein Referat durch und schäme mich. Außerdem schleppe ich meinen Computer mit mir herum, in der wirren Hoffnung, noch etwas retten zu können.
Meine einzige Hoffnung ist, dass auf der Fahrt zur Uni die Stahlbetonindustrie ein Revival erlebt und mein Innovatives Denken gelobt wird.
Zu allem Überfluss werde ich zur Zeit jeden Morgen von meinem Rubbel-Los Kalender gefrustet, jeden Morgen eine Enttäuschung, wer denkt sich solche Gemeinheiten aus?
Nein ich werde heute keine Straßenzeitung kaufen, außer es stände ein Artikel über modernen Theaterbau drin. Oder der Verkäufer lässt sich eine verdammt gute Geschichte einfallen. Meine Hoffnung wird zerstört, meine Erwartung nicht erfüllt.

06/12/01, 9 Uhr, Freiburg, Herdern-Apotheke. Obwohl ich den Termin schon um eine halbe Stunde verzögert habe, ist der dumme Tresor noch nicht verschenkt. Der Apotheker freut sich sehr, mich zu sehen. Als ich mir das Ding anschaue, weiß ich auch, warum: Der Tresor ist 2,40 Meter hoch, 60 Zentimeter tief und breit und wiegt ungefähr soviel wie ein mittleres Warenkaufhaus. Da ich leider nicht „Der große Raub“ gesehen habe, fällt mir spontan keine Möglichkeit ein, das Stahlpaket auch nur einen Millimeter zu bewegen. Also verwende ich meine Energie darauf, mir eine möglichst gute Geschichte für die Verwaltungschefin auszudenken. Wusstet Ihr, dass Tresortransporte pro Treppenstufe bezahlt werden?

06/12/01, 12 Uhr, Berlin, Technische Fachhochschule. Da dummerweise der Dozent auf dem Weg zur Arbeit nicht von einem Elefanten gegen ein Nashorn gedrückt wurde, muss ich nun eine Entscheidung treffen: Ich stelle mir vor, dass es Linoleum-Verkäufer heutzutage auch nicht einfacher haben, stelle mich vor mein Seminar und halte ein feuriges, glühendes Referat, das in der „Geschichte der unverschämten Lügerei“ einen Ehrenplatz erhalten wird. Gott sei Dank hat der Dozent seit 1970 nichts mehr mit der freien Wirtschaft zu tun und lobt mein innovatives Denken.

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Eriks und Michis Adventskalender 7

07/12/01, 21 Uhr, auf dem Weg von Freiburg nach Berlin. Seit sieben Stunden sitze ich hinterm Lenkrad und bin heilfroh, dass ich jetzt wenigstens den Freistaat Bayern hinter mir gelassen habe. Die Stunde Stau bei Bayreuth ging schon ziemlich an die Substanz, der Rastplatz, an dem ich nun in der tiefsten thüringerischen Pampas Halt mache, verdient nur das Attribut trés urban: Natürlich heißt der Pächter „Elf“, natürlich liegen an der Kasse Münzen (feinste Prägung, polierte Platte) versehen mit Szenen weiblicher Offenheit (Pornobildchen) unter dem Zahlteller aus. Der Verkäufer hat sich seit Tagen nicht seine Lockenpracht gewaschen, grinst schmierig und versucht unauffällig die neueste Ausgabe von „Partnertausch“ unter dem Ladentisch verschwinden zu lassen. Die Hauptstadt ist ganz, ganz nahe.

07/12/01, 9 Uhr. Ich wache auf und resümiere über den vergangenen Tag. Ich bin wieder prächtig mit meiner eigenen Faulheit durchgekommen und habe sogar was von der Nikolaus gekriegt. Nun liege ich hier und knacke mit meinem neuen Knackkrokodil, während ich Silke beim Schaukeln zugucke. Ich habe ihr nämlich eine Schaukel geschenkt. Aufgrund der prädestinierten Lage dieser ist es möglich, in das Arbeitszimmer hineinzuschaukeln, dann kurz im Wohnzimmer zu grüßen, und schließlich aus dem Küchenfenster zu schauen. Unsere Nachbarn müssen uns für wahnsinnig halten, wie wir dort von einem Fenster zum anderen schwingen.

07/12/01, 1Uhr. Berlin, Lokalredaktion. Es ist ein wahrhaft historischer Augenblick, zwei Redaktionen treffen sich um zu vollbringen was noch keiner vollbrachte, einen Adventsmarathon der seines gleichen sucht.
Fünf Tage, zwei Redakteure, zehn Stunden und eiserne Willen unter der Bankerslamp.

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Eriks Adventskalender 8

O8./12/ 01, 15.20 Uhr. Ausgebrannt und wie ein Clochard bepackt, zudem mit meinen letzten fünf Mark ausgestattet ist der liebe Gast nun wieder entschwunden, was bleibt ist die Leere im Hirn und ein Nachhall von Genie in der Luft.
Chronik des Tages: Fünf Uhr morgens sind wir ins Bett gegangen (getrennt),
elf Uhr Morgens war wecken für den zweiten Teil (Achtung liebe Damen, aufgepasst! Herr M.M. ist offensichtlich Nacktschläfer, rrrrrrr) und unsere Aufgabe nahmen wir ernst.
Von nun an ist es wieder die Aufgabe der Lok.Red. Freiburg, Törchen für Törchen zu schaffen, ich aber lehne mich bewußt passiv zurück und sage, „auch schön so“.

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Michis Adventskalender 3

03/12/01, 10 Uhr, Geschäftskundenbereich Sparkasse. Die alten Herren, die sich im Vorraum der Sparkasse auf den Monitoren die Entwicklung ihrer Fonds anschauen, stehen da wie immer. Nur im Schalterraum ist seit Tagen mehr Gedränge als sonst. Kein Wunder: Seit heute hat die Sparkasse die improvisierten Euroschalter für ihre Geschäftskunden aufgemacht. Die Schalter passen so gar nicht zum feschen Sparkassenrot. Blau und gelb sind sie gestrichen, oben drüber steht, damit es auch jeder versteht, „DM -> €“. Der Mann, der normalerweise an der Kasse steht, ist jetzt an den Euro-Schalter abberufen worden. Und das, wo die Geschäftsleute vor allem darum bemüht sind, ihre alten Devisen noch vor Jahreswechsel aufs Konto zu bringen. Dementsprechend sieht es in der Schalterhalle aus: Kein Mensch will Euro haben, statt dessen Gedränge an der Kasse.

Vor mir in der Schlange steht ein Typ mit Nackenspoiler, Schnubbi, Goldkettchen und Slippern, eine dicke Tasche unterm Arm, vielleicht 30 Jahre alt. Entweder Zuhälter oder Sonnenstudio-Besitzer, denke ich mir. Die Narben im Gesicht verweisen eher auf die erste Lösung, der Geldbetrag, den er jetzt dem Kassierer auf den Tisch knallt auf die zweite. Oder auch nicht.

Offensichtlich hat der Mann die kompletten Monatseinnahmen aus dem Safe geklaubt und in die Aktentasche gepackt. Geldbündel um Geldbündel wandert über den Tresen, und da kommt bei mir die Frage auf, welcher Gewerbezweig in den kalten Monaten wohl mehr Umsatz macht. Ein Sonnenstudio ist vor allem wetterabhängig, ein fester Bordellbetrieb in einer mittleren Großstadt lage- und rufabhängig. Dazu kommen die Faktoren Angebot, Servicefreundlichkeit und Preis. Also vielleicht doch ein Zuhälter, auch wenn die Stadt Freiburg etwas prüde ist, was die Ansiedlung des horizontalen Gewerbes angeht.

Es geht und geht nicht weiter in der Schlange. Ich habe um Viertel nach Uni, und mittlerweile ist es 10.20 Uhr. Der Zuhälter blättert die Scheine auf den Tisch, kramt mit seinen Wurstfingern in der Tasche rum und dreht sich immer wieder nach hinten um. Mit dem rechten Ärmel seiner Jeansjacke wischt er sich kurz über seine Knollennase. Gleichgültigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben, dem Kassierer sowieso, der sich beim Hantiereren mit der Gelzählapparatur nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Ich schaue in das Mäppchen, in der das VHS-Geld steckt – eine verschwindet geringe Summe im Vergleich zu den Batzen, die der Zuhälter auf den Tisch haut. Vielleicht habe ich ja doch den falschen Job.

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Michis Adventskalender 2

02/12/01, 2 Uhr, Diskothek Fun-Park. Wo bin ich hier schon wieder gelandet, frage ich mich seit drei Stunden. Objektiv betrachtet in einer dieser neuen Großraumdiskotheken, die seit geraumer Zeit in allen möglichen Industriegebieten aus dem Boden sprießen und die dem Publikum auf mehreren Bereichen die volle Bandbreite des nächtlichen Gauditums darbieten. Subjektiv gesehen im üblichen Mainstream-Moloch, der es jedem recht machen möchte, vor allem der Dorfjugend aus dem Umkreis, die mit Papas Auto oder dem tiefergelegten Golf II mit verdunkelter Heckscheibe anreist. Das Mobiliar ist betont kitschig, glitzernd und hölzern rustikal. Nicht umsonst ist direkt nebenan ein Baumarkt, der auf den überall herumhängenden Fernsehern kräftig beworben wird. Statt der guten, alten Pappkarte, die bei Verlust viel Geld kostet, werden am Eingang Plastik-Karten ausgegeben, versehen mit Strichcode und Speicherchip. Auch das Logo der Disko ist draufgedruckt, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen vom Geschäftsführer selbst entworfen. Geht ja auch einfach: irgendeine dieser Space-Schriftarten, dunkler Hintergrund, ein paar Sterne, Strich drunter, fertig.

Über die Monitore flimmert, was mir heute erspart bleibt: Zum Nikolaus kommt „Future Breeze“, die Woche drauf „Brooklyn Bounce“. Und wer sich an Heiligabend vor 23 Uhr in den Fun-Park aufmacht, kriegt „als kleines Geschenk vom Chef“ alle Getränke umsonst – ein Paradies für alle Depressiven ohne Familienanhang, die nicht unbedingt zum CVJM gehen wollen.

Die Bollos sehen genau so aus wie in Duisburg-Hamborn, die mitgeschleiften Mädels sind entweder Arzthelferin oder Friseuse und heißen wahlweise Marion, Heike oder Peggy. Auf jeden Fall tragen sie bauchfrei, egal wie die Wampe quillt. Aber das sind ja alles Vorurteile und Allgemeinplätze, die schon viel zu oft gesagt worden sind, denke ich mir, und entdecke auf der Tanzfläche im Black Musik & Soul-Bereich einen Typen, der auf der Tanzfläche umherwankt. Eigentlich nichts Besonderes um diese Uhrzeit, wenn da nicht diese traurigen Augen wären. Der Typ schaut jeden an, der an ihm vorbeiläuft, schaut kurz auf wie ein verstörtes Reh. Am Revers seiner Jeansjacke ist eine Aids-Schleife festgemacht, die Hose hängt auf halb Acht, und im Schwarzlicht wirken die dicken weißen Schnürsenkel noch klobiger als sie es so schon sind. Der Typ torkelt herum, sieht aber nicht aus, als wenn er gleich kotzen muss. Eher so, als wäre ihm gerade die Freundin weggelaufen.

Ein komischer Abend ist das. Der Geschäftsführer hat wohl etwas halbherzig eine Motto-Party anberaumt. Titel: Moorhuhn – auch eines dieser Massenphänomene der Unterschicht, die ich abgrundtief hasse. Konfetti und Luftballons liegen auf dem Boden, und eine Aushilfe im Huhnkostüm verteilt bunte Gelee-Eier, die es um diese Jahreszeit eigentlich gar nicht gibt. Wahrscheinlich sind die Eier von Ostern übrig geblieben. Als der Kerl im Huhn-Kostüm dem Torkelnden ein Ei hinhält, schaut dieser nur kurz auf und senkt wieder traurig den Blick.

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Michis Adventskalender 1

01/12/01, 19 Uhr, Innenhof der VHS. Auf dem nassen, glitschigen Kopfsteinpflaster ist mit rund 100 Grabkerzen die Aids-Schleife nachgebildet, an den Fenstern stehen ebenfalls Kerzen und verströmen so etwas wie Adventsstimmung. Die Atmosphäre ist tatsächlich feierlich, auch wenn die Freiburger Aids-Hilfe keine Weihnachtsfeier, sondern eine Gedenkveranstaltung zum Welt-Aids-Tag abhält.

Der Innenhof füllt sich nach und nach mit Menschen. Alle rücken sie nahe an die symbolische Aids-Schleife, Kinder springen zwischen den roten Plastiktöpfchen hin und her. Dann wird es still. Der Dirigent des Homo-Chors „Queerflöten“ ergreift mit sanftem Tenor-Stimmchen das Wort. Was er sagt, klingt mehr als unpassend: Was heute auf der Welt vorgeht, stimme ihn nachdenklich. Vor zehn Jahren sei Aids als Schwulen- und Fixerkrankheit in die Schmuddelecke gestellt worden. Heute seien es „junge, muslimisch aussehende Männer“, die kollektiv verdächtigt würden, Anschläge auf Hochhäuser zu planen.

Zu solch weitsichtigen Einschätzungen der Weltlage kann man wohl nur in Freiburg kommen, denke ich mir und schaue zu Daniela, einer ergrauten Dame, die früher mal Daniel hieß. Daniela raucht heute Abend Kette, wirkt schon den ganzen Abend über ganz weit weg und klatscht begeistert, als der Homo-Chorchef geendet hat. Der Chor setzt ein. Es klingt ziemlich Scheiße, weil Deutsche mit badischem Dialekt keine Gospels singen sollten.

Dann ist Zeit für die Gedenkminute. Alle sollen sich an den Händen fassen, und ich weiß schon wieder ganz genau, was ein Großteil der Anwesenden für eine Partei wählt. Ich stehe zwischen einem Schwulenpärchen. Der kleinere von den Beiden, mit Arafat, Nickelbrille und kleiner schwarzen Mütze ausgestattet, reicht mir seine feuchte, kleine Mädchenhand. Der Größere, mit dunklem Imkerbart, ansonsten kahlrasiert und nietenbesetzter Lederkutte, greift mit seinen klobigen Fingern kräftig zu. Alle Anwesenden sollen für einen Moment „die Augen oder ihre Herzen schließen“, sagt der Chorleiter und zeigt damit, dass es bei ihm nicht nur mit den Vergleichen hapert.

Der Chorleiter hört auch während der Gedenkminute nicht auf zu labern, erzählt irgendwas von „Zusammenrücken“ und „Wärme spüren“ und schließt mit den Worten: „So, und nun nehmen wir alle unseren Nebenmann oder Nebenfrau in den Arm und lassen uns gegenseitig spüren, dass wir nicht alleine sind.“ Ich möchte hier ganz dringend weg, und der kleine Schwule wohl lieber seinen starken Partner in den Arm nehmen. Nein, ausweichen ist nicht möglich. Ich drücke meinen Oberkörper kurz in Richtung Arafat-Schal, tätschel dem Kleinen kurz auf den Rücken seiner ausgewaschenen Jeansjacke. Dann der Blick nach rechts. Der Große wirkt in seiner Lederkluft auf einmal kleiner. Jetzt erst sehe ich, das er Tränen in den Augen hat.

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Uriellas Sorgenfalten

Nachdem die Herren aus Berlin und Trier bereits erschöpfend ihre Sicht der politischen Weltlage dargelegt haben, möchte ich das Thema etwas anders aufziehen: Am Tag nach dem 11. September, also dem 12. September, lief mir in der Freiburger Innenstadt doch tatsächlich Uriella über den Weg. Das ist die Frau, die mit bürgerlichem Namen Erika Bertschinger heißt, daran glaubt, dass irgendwann in naher Zukunft fliegende Untertassen das Ende der Welt besiegeln werden und sich mit ihrer Sekte, der „Weißen Bruderschaft“, in einem kleinen Schwarzwalddorf verschanzt hat. Denn das Ende der Welt ist laut Bertschinger schon lange nahe, und man muss sich ja in Ruhe darauf vorbereiten. Wo ginge das besser als in einem Schwarzwalddorf?

Uriella lief mir also in der Innenstadt über den Weg, wie immer in einem weißen Brautkleid, neben sich ihren Gatten Ricordo, ebenfalls ganz in Weiß, allerdings in der Wahl der Schuhe nicht ganz so konsequent. Denn die waren eher beige als weiß und ähnelten somit wahlweise ausgelatschten Ärztetretern oder dem Schuhwerk, das alte Menschen gerne kaufen. Ein seltsames Paar: Sie sehr klein und faltig, was auch die Schminke und die schwarzgefärbten Haare nicht verdecken konnten, er an die zwei Meter groß und fast wie ein Krankenpfleger wirkend – nicht nur wegen der Schuhe.

Beide liefen untergehakt an mir vorbei, wahrscheinlich unterwegs zu irgendeiner Lesung oder Segnung. Denn Uriella sieht sich als fleischgewordenes Sprachrohr von Jesus Christus, nimmt in ihren Predigten auch die Christus-Rolle offensiv ein. Da verurteilt sie – bzw. er – dann so perverse und ekelige Sachen wie Homosexualität und Verhütung, spricht sich im gleichen Atemzug aber gegen die Todesstrafe und Rachedenken aus.

Nebenbei ist Uriella nicht nur das Sprachrohr von Jesus Christus, sondern auch Wunderheilerin und vertickt in ihren Gottesdiensten diverse selbstgebraute Wässerchen und Tinkturen gegen alle Gebrechen, inklusive Aids und Krebs. Bekannt ist vor allem das Bild, auf dem sie im weißen Brautkleid vor einer vollen Badewanne hockt und das Wasser mit einem Silberlöffel gegen den Uhrzeigersinn quirlt – das somit nach ihrer Weltsicht geheiligte Wasser ist in Flaschen abgefüllt einer der Verkaufsschlager der Dame.

Was muss ein Mensch mit solch einer extremen Persönlichkeitsspaltung wohl denken, wenn er die Bilder des einstürzenden World Trade Centers sieht, habe ich mir gedacht. Uriellas Blick wirkte angespannt und genervt, was auch an ihren Falten gelegen haben könnte und den nuttig zugetünchten Augen. Gatte Ricordo zog sie schnell um die nächste Ecke, weg von den Gaffern, Neidern und Ungläubigen.

Denn noch nie waren die fliegenden Untertassen so nahe wie gerade am 12. September.

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